Tierschutz

Einleitung

Die Sicherheit der Lebensmittelkette steht aufgrund der engen Beziehungen zwischen Tierschutz, Tiergesundheit und lebensmittelbedingten Krankheiten in einem direkten Zusammenhang zu dem Schutz von Tieren, insbesondere von Tieren, die für die Erzeugung von Lebensmitteln gehalten werden. Stressfaktoren und unzureichende Haltungsbedingungen können bei den Tieren die Anfälligkeit für übertragbare Krankheiten erhöhen. Dies kann eine Gefährdung der Verbraucher nach sich ziehen, beispielsweise durch weit verbreitete lebensmittelbedingte Infektionen, die unter anderem durch Salmonellen, Campylobacter und E. coli verursacht werden. Die Anwendung von guten, am Tierschutz orientierten Verfahren in der Praxis verringern nicht nur unnötiges Leiden der Tiere, sondern tragen auch zur besseren Tiergesundheit bei. Zudem wird in dem Vertrag von Lissabon aus dem Jahre 2009 ausdrücklich anerkannt, dass Tiere fühlende Wesen sind und dass die EU und ihre Mitgliedstaaten die ethische Verpflichtung haben, Misshandlungen, Schmerzen und Leiden zu verhüten.

Das Wohlbefinden von Tieren, die zur Erzeugung von Lebensmitteln gehalten werden, hängt weitgehend von dem Umgang der Menschen mit diesen Tieren ab. Mehrere Faktoren können das Wohlbefinden der Tiere beeinflussen; sie reichen von Unterbringung und Einstreu über den zur Verfügung stehenden Raum und die Einteilung des Raums, die Transportbedingungen, die Methoden der Betäubung und Schlachtung bis hin zur Kastrierung männlicher Tiere und zum Kupieren von Schwänzen.

Die Rolle der EFSA

Der Tierschutz gewinnt innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der EFSA eine immer größere Bedeutung. Die wissenschaftlichen Bewertungen der Agentur dienen Risikomanagern als Hilfestellung bei der Ermittlung von Verfahren, mit denen unnötige Schmerzen, Stress und Leiden von Tieren verringert werden und der Tierschutz, soweit dies möglich ist, verbessert wird. Das Gremium für Tiergesundheit und Tierschutz der EFSA bewertet zahlreiche Faktoren wie Unterbringung und Haltung, Transport und Schlachtung von Nutztieren wie Schweinen, Schafen, Geflügel, Rindern und Fischen. Bei der Erarbeitung von Empfehlungen und Leitlinien, bei der Ermittlung besorgniserregender Aspekte und der Rückmeldung zu Aktivitäten der EFSA und zu unserem wissenschaftlichen Ansatz spielen unsere Interessengruppen eine zentrale Rolle.

Harmonisierte Methodik

Die Sachverständigen der EFSA verwenden ein Leitliniendokument, das eine Methodik für die Bewertung von Risiken für den Tierschutz beinhaltet, bei der Haltungssysteme und -verfahren sowie Belange des Tierschutzes berücksichtigt werden. Vor der Zusammenstellung dieser Leitlinien im Jahr 2011 gab es keine konkreten internationalen Vorgaben für die Risikobewertung im Bereich des Tierschutzes. Wissenschaftler, Tierärzte und alle mit dem Tierschutz befassten Beteiligten wurden in die Ausarbeitung der harmonisierten Methodik eingebunden, die in den nächsten Jahren einer Überprüfung unterzogen wird.

Ziel unserer Arbeit ist es, gute wissenschaftliche Erkenntnisse in Verfahren für die praktische Anwendung umzusetzen, wobei wir mit Landwirten, politischen Entscheidungsträgern, lebensmittelverarbeitenden Betrieben und Einzelhändlern, Beratungsgremien und Tierschutzorganisationen zusammenarbeiten und auf diese Weise die Standards für den Tierschutz verbessern. Wir engagieren uns auch im Bildungsbereich und treten für eine offene Kommunikation mit allen Mitgliedern der Gesellschaft über unsere Arbeit ein.

Tierbezogene Indikatoren

Die Europäische Kommission rief im Zusammenhang mit ihrer Tierschutzstrategie 2012-15 dazu auf, messbare Indikatoren für den Tierschutz zu entwickeln, um die wissenschaftliche Grundlage der Rechtsvorschriften der EU in diesem Bereich zu stärken. Daraufhin erarbeitete die EFSA wissenschaftlich messbare Indikatoren, „tierbezogene Indikatoren“, die bei ihren Bewertungen des Tierschutzes berücksichtigt werden sollen.

Die EFSA veröffentlichte drei Gutachten über die Anwendung von tierbezogenen Indikatoren bei der Bewertung des Tierschutzes. Die Gutachten betrafen Schweine, Milchkühe und Masthühnchen. Ferner legte die EFSA eine allgemeine Stellungnahme zur Anwendung von tierbezogenen Indikatoren bei der Bewertung des Tierschutzes vor.

Zu den Einflussfaktoren im Bereich des Tierschutzes gehören das konkrete Umfeld und die konkreten Mittel, die dem Tier zur Verfügung stehen, unter anderem Zuweisung des Raums, Unterbringung, Einstreumaterial, sowie die angewandten Haltungsverfahren wie Fütterungsstrategien und Transportpläne. Die einzelnen Tiere reagieren je nach ihren Merkmalen (Alter, Geschlecht, Rasse) unterschiedlich auf diese Faktoren; die Reaktionen werden anhand von tierbezogenen Indikatoren geprüft. Tierbezogene Indikatoren – direkte Indikatoren wie Verhalten, körperlicher Zustand, Vorhandensein von Verletzungen – können entweder durch die Beobachtung oder die Untersuchung der Tiere ermittelt werden; es ist aber auch möglich, Aufzeichnungen unter Verwendung automatisierter Verfahren heranzuziehen (indirekte Indikatoren wie Aufzeichnungen des Wasserverbrauchs).

Daher können tierbezogene Indikatoren die Entscheidungsfindung über annehmbare Bedingungen für Nutztiere unterstützen; diese Indikatoren können bei Überwachungs- und Kontrollprogrammen auf der Ebene der Betriebe verwendet werden, um die Einhaltung von Standards für die Tiergesundheit und den Tierschutz zu gewährleisten und einen Beitrag zur Bekämpfung von Krankheiten zu leisten.

EU-Rechtsrahmen

Die in der EU geltenden Anforderungen an den Tierschutz gehören weltweit zu den höchsten Standards. In der EU sind harmonisierte Vorschriften für mehrere Tierarten und mehrere Aspekte des Wohlergehens der Tiere in Kraft. In der Richtlinie 98/58/EG des Rates sind die Mindeststandards für den Schutz aller Nutztiere festgelegt, während in anderen Rechtsvorschriften der EU Tierschutzstandards für Nutztiere beim Transport und bei der Betäubung und Schlachtung geregelt sind. Für den Schutz von einzelnen Tierkategorien wie Kälbern, Schweinen, Legehennen und Masthühnern wurden spezielle Richtlinien erarbeitet. Harmonisierte EU-Standards dienen nicht nur dem Schutz von Nutztieren, sondern auch dem Schutz von Tieren, die zu Versuchszwecken verwendet werden, und von wildlebenden Tieren, die in Zoos gehalten werden. In den kommenden Jahren ist die Überprüfung der Rechtsvorschriften vorgesehen (siehe unten).

Andere internationale Organisationen haben ebenfalls Empfehlungen und Leitlinien für den Tierschutz herausgegeben, unter anderem die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) und der Europarat. Die EU gehört zu den Unterzeichnern des vom Europarat verabschiedeten Europäischen Übereinkommens über den Schutz von Tieren beim internationalen Transport.

Übersicht: Vom Erzeuger zum Verbraucher

Der Tierschutz ist Bestandteil der neuen Strategie der Europäischen Union „Vom Erzeuger zum Verbraucher“, deren Ziel es ist, die Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Methoden in Europa durch eine integrierte politische Lebensmittelstrategie unter Berücksichtigung der gesamten Versorgungskette zu verbessern. Im Rahmen dieser Strategie führt die EU eine umfassende Evaluierung ihrer Rechtsvorschriften im Tierschutzbereich durch; die EFSA wurde ersucht, hierfür neue Empfehlungen auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Forschungsarbeiten und Daten vorzulegen. Die neuen Aufgaben, die der EFSA übertragen wurden, sind auch Ausdruck der in der Bevölkerung zunehmenden Besorgnis über den Tierschutz, insbesondere die Käfighaltung von Nutztieren. Eine europäische Bürgerinitiative [„End the Cage Age“ (Schluss mit der Käfighaltung)], die ein Ende der Verwendung solcher Käfige fordert, gewann über 1,5 Millionen Bürger als Unterzeichner und rund 170 Organisationen als Unterstützer.

Die Arbeiten gliedern sich grob in drei Bereiche:

Wohlergehen von Tieren beim Transport: Unter diesem Punkt werden sechs Tiergruppen behandelt: Equiden (Pferde, Esel), Hausrinder (Rinder und Kälber), kleine Wiederkäuer (Schafe und Ziegen), Schweine, Hausvögel und Kaninchen. Zu jeder dieser Gruppen erstellt die EFSA eine umfassende Übersicht über die derzeit angewandten Praktiken beim Transport und:

  • beschreibt die entsprechenden Auswirkungen auf das Wohlergehen in den einzelnen Phasen des Transportvorgangs;
  • erarbeitet tierbezogene Indikatoren für die Bewertung der Auswirkungen auf das Wohlergehen beim Transport;
  • ermittelt die Risiken, die diese Auswirkungen auf das Wohlergehen nach sich ziehen;
  • unterbreitet Empfehlungen zur Verhütung, Milderung oder Korrektur der Auswirkungen auf das Wohlergehen.

Wohlergehen von Tieren bei der Schlachtung: Die EFSA steht kurz vor der Fertigstellung ihrer Reihe von Analysen, in denen sie Aspekte des Wohlergehens von Schlachttieren, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, und der Tötung von Tieren im landwirtschaftlichen Betrieb zu anderen Zwecken (z. B. zur Seuchenbekämpfung und Bestandsregulierung) untersucht. Gutachten zu Geflügel (2019) sowie zu Kaninchen (Januar 2020) und Schweinen (Juni 2020) wurden bereits vorgelegt. Zusätzliche Gutachten zu Rindern sollen im weiteren Verlauf des Jahres 2020 folgen. In den Gutachten werden Risiken, tierbezogene Indikatoren sowie Präventions- und Korrekturmaßnahmen für die einzelnen Stufen des Schlachtprozesses aufgeführt, der die Ankunft im Schlachthof und die Entladung der Tiere vom Lkw bis hin zur Unterbringung, Betäubung und Entblutung umfasst.

Wohlergehen von Tieren in landwirtschaftlicher Tierhaltung: Gegenstand dieser Gutachten ist das Wohlergehen von Geflügel (Legehennen und Masthühnern), Schweinen und Kälbern. In den Gutachten werden für die einzelnen Tierkategorien jeweils die derzeit angewandten Haltungssysteme und -verfahren beschrieben, die damit verbundenen Risiken, Auswirkungen auf das Wohlergehen und tierbezogenen Indikatoren aufgeführt und Empfehlungen für die Verhütung der Auswirkungen auf das Wohlergehen der Tiere und für entsprechende Abhilfemaßnahmen zusammengestellt.

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