Pestizide

Der Begriff „Pestizide“ wird häufig als Synonym für Pflanzenschutzmittel verwendet. Der Oberbegriff Pestizide umfasst jedoch auch Produkte wie Biozide, die nicht zur direkten Anwendung an Pflanzen, sondern zur Bekämpfung von Schädlingen und Krankheitsüberträgern wie Insekten, Ratten und Mäusen bestimmt sind; diese fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich der EFSA.

Pflanzenschutzmittel sind Pestizide, die überwiegend eingesetzt werden, um die Gesundheit von Kulturpflanzen zu erhalten und ihrer Vernichtung durch Krankheiten und Schädlingsbefall vorzubeugen. Hierzu zählen Herbizide, Fungizide, Insektizide, Akarizide, Pflanzenwachstumsregulatoren und Repellentien (Abwehr- oder Vergrämungsmittel).

Pflanzenschutzmittel enthalten einen oder mehrere Wirkstoffe. Bei diesen Wirkstoffen kann es sich um chemische Substanzen oder Mikroorganismen, einschließlich Viren, handeln, die es dem Produkt ermöglichen, seine Funktion zu erfüllen. Ein Großteil der Risikobewertungen der EFSA im Bereich der Pflanzenschutzmittel konzentriert sich auf diese Wirkstoffe.

Abgeschlossene Arbeiten

EU-Rechtsrahmen

Die Vermarktung und Anwendung von Pflanzenschutzmitteln sowie ihre Rückstände auf und in Lebensmitteln sind durch zahlreiche EU-Rechtsvorschriften geregelt. Pflanzenschutzmittel dürfen nur nach vorheriger Zulassung auf den Markt gebracht oder verwendet werden. Im Rahmen eines dualen Systems bewertet die EFSA die in Pflanzenschutzmitteln verwendeten Wirkstoffe, während die Mitgliedstaaten die Pflanzenschutzmittel-Produkte bewerten und auf nationaler Ebene zulassen. Pflanzenschutzmittel werden hauptsächlich in der Rahmenverordnung (EG) Nr. 1107/2009 geregelt.

Sämtliche Fragen im Zusammenhang mit gesetzlichen Grenzwerten für Pestizidrückstände in Lebens- und Futtermitteln werden in der Verordnung (EG) Nr. 396/2005 geregelt. Diese Verordnung enthält auch Bestimmungen über amtliche Kontrollen von Pestizidrückständen in Lebensmitteln pflanzlichen und tierischen Ursprungs, die durch den Einsatz von Pestiziden beim Pflanzenschutz auftreten können.

Rolle

Die EFSA leistet Risikomanagern unabhängige wissenschaftliche Beratung auf der Grundlage von Risikobewertungen. Die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten entscheiden im Rahmen des Risikomanagements über Regulierungsfragen, einschließlich der Genehmigung von Wirkstoffen und der Festsetzung gesetzlicher Grenzwerte für Pestizidrückstände in Lebens- und Futtermitteln (Rückstandshöchstgehalte).

Bevor ein Wirkstoff in einem Pflanzenschutzmittel in der EU eingesetzt werden darf, muss er von der Europäischen Kommission genehmigt werden. Die Wirkstoffe durchlaufen einen eingehenden Evaluierungsprozess, bevor eine Entscheidung über ihre Genehmigung getroffen werden kann. 

Das Referat Pestizide der EFSA ist auf EU-Ebene für das Peer-Review der Risikobewertungen von in Pflanzenschutzmitteln verwendeten Wirkstoffen zuständig und arbeitet dabei eng mit den Mitgliedstaaten zusammen. Bei der Risikobewertung von Wirkstoffen wird geprüft, ob diese Substanzen bei korrekter Anwendung möglicherweise irgendeine direkte oder indirekte schädliche Wirkung auf die Gesundheit von Mensch und Tier haben – beispielsweise über das Trinkwasser, Lebens- oder Futtermittel – und dass sie die Qualität des Grundwassers nicht beeinträchtigen. Darüber hinaus sollen im Rahmen der Umweltrisikobewertung mögliche Auswirkungen auf Nichtzielorganismen abgeschätzt werden.

Das Referat Pestizide leistet der Europäischen Kommission auch wissenschaftliche Beratung zu möglichen Risiken im Zusammenhang mit dem Vorhandensein von Pestizidrückständen in Lebensmitteln, die mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden, und erarbeitet Empfehlungen bezüglich der Festsetzung von Rückstandshöchstgehalten (Maximum Residue Levels – MRL). Außerdem ist das Referat für die Erstellung des Jahresberichts über Pestizidrückstände in der EU zuständig und stellt dem Gremium für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände (PPR) administrative und wissenschaftliche Unterstützung zur Verfügung.

Das Gremium für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände (PPR-Gremium) der EFSA leistet wissenschaftliche Beratung zu: Fragen, die nicht im Rahmen des Peer-Reviews von Wirkstoffen geklärt werden können; Anträgen und Überprüfungen im Zusammenhang mit Rückstandshöchstgehalten; oder wenn Leitlinien zu allgemeineren Fragen benötigt werden, was in der Regel die Bereiche Toxikologie, Ökotoxikologie, Verbleib und Verhalten bzw. die Weiterentwicklung von Risikobewertungspraktiken betrifft.

Das PPR-Gremium und das Referat Pestizide haben die Aufgabe, die wissenschaftlichen Methoden zur Risikobewertung von Pestiziden zu überarbeiten und weiterzuentwickeln, was auch Leitliniendokumente umfasst. In diesem Zusammenhang beauftragt die EFSA regelmäßig externe Organisationen mittels Fremdvergabe damit, sie beim Zusammentragen von wissenschaftlichen Daten und Informationen oder der Entwicklung von Modellierungsinstrumenten zu unterstützen. Die Ansichten von Interessengruppen zu neuen Leitlinien und Methoden werden mittels öffentlicher Konsultationen eingeholt. Die Leitliniendokumente bieten Antragstellern und Mitgliedstaaten Orientierungshilfe bei der Durchführung von Risikobewertungen für bestimmte Bereiche im Rahmen des Peer-Reviews von Wirkstoffen bzw. der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln auf nationaler Ebene.
 

Peer-Review von Wirkstoffen

Seit 2003 ist die EFSA auf EU-Ebene für das Peer-Review von Wirkstoffen in Pflanzenschutzmitteln zuständig. Diese Aufgabe wird vom Referat Pestizide der EFSA gemäß den in den Rechtsvorschriften festgelegten Verfahren und entsprechend den neuesten wissenschaftlichen Standards und Methoden durchgeführt. Die EFSA arbeitet dabei eng mit wissenschaftlichen Sachverständigen aus den Mitgliedstaaten zusammen.

Generell erfolgt die Bewertung von Wirkstoffen im Rahmen eines mehrstufigen Verfahrens:

  1. Der Hersteller des Wirkstoffs legt einem zuvor benannten Bericht erstattenden Mitgliedstaat einen Antrag auf Genehmigung eines Wirkstoffs vor, zusammen mit den entsprechenden Unterlagen (Dossier).
    List of available summary dossiers and applications
     
  2. Für jeden Stoff wird zunächst von dem Bericht erstattenden Mitgliedstaat ein vorläufiger Risikobewertungsbericht erstellt.
    List of available rapporteur Member State assessment reports  
    List of available rapporteur Member State assessment reports
    (veröffentlicht vor dem 22. September 2014) 
     
  3. Die Risikobewertung des Bericht erstattenden Mitgliedstaats wird von der EFSA zusammen mit allen Mitgliedstaaten einem Peer-Review unterzogen.
     
  4. Die EFSA verfasst eine Schlussfolgerung bezüglich des Wirkstoffs.
     
  5. Die Europäische Kommission trifft eine gesetzgeberische Entscheidung über die Aufnahme des Stoffs in die gemeinschaftliche Liste der genehmigten Wirkstoffe.

Die EFSA ist auch für das EU-Peer-Review von Anträgen auf Erneuerung der Genehmigung von Wirkstoffen zuständig. Wirkstoffe werden in der Regel für einen Zeitraum von 10 Jahren genehmigt, nach dessen Ablauf Antragsteller eine Verlängerung der Genehmigung beantragen können. Der entsprechende Antrag wird einem Bericht erstattenden Mitgliedstaat vorgelegt, der eine erste Evaluierung vornimmt und einen vorläufigen Bewertungsbericht zur Erneuerung (Renewal Assessment Report – RAR) erstellt. Dieser wird dann von der EFSA, in Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten, einem Peer-Review unterzogen.

Darüber hinaus leistet die EFSA wissenschaftliche Unterstützung bei der Bewertung von Anträgen, die „Grundstoffe“ betreffen. Bei Grundstoffen handelt es sich, allgemein gesprochen, um Wirkstoffe, die zwar nicht in erster Linie als Pflanzenschutzmittel verwendet werden, aber von Nutzen für den Pflanzenschutz sein können. Die Kriterien für ihre Genehmigung sind in der Rahmenverordnung festgelegt.

Schließlich nimmt die EFSA auch wissenschaftlich Stellung zu Bestätigungsdaten. Eine Genehmigung kann vorbehaltlich der Vorlage zusätzlicher bestätigender Informationen erteilt werden, wenn sich während der Bewertung neuer Datenbedarf ergibt oder neue wissenschaftliche bzw. technische Erkenntnisse vorliegen.

Das Ergebnis des Peer-Reviews und/oder sonstiger Konsultationsverfahren wird in den Schlussfolgerungen und technischen Berichten der EFSA präsentiert.

Höchstgehalte an Pestizidrückständen in Lebensmitteln

Pestizidrückstände, die sich aus der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln auf Kulturpflanzen zur Gewinnung von Lebens- oder Futtermitteln ergeben, können ein Risiko für die öffentliche Gesundheit darstellen. Darum existiert in der Europäischen Union ein umfassender Rechtsrahmen, der Regeln für die Genehmigung von in Pflanzenschutzmitteln verwendeten Wirkstoffen, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sowie Pestizidrückstände in Lebensmitteln vorgibt.

Bei Rückstandshöchstgehalten (Maximum Residue Levels – MRL) handelt es sich um Höchstkonzentrationen von Pestizidrückständen, die in oder auf Lebens- bzw. Futtermitteln rechtlich zulässig sind, ausgehend von guter landwirtschaftlicher Praxis und der niedrigsten Verbraucherexposition, die zum Schutz besonders schutzbedürftiger Verbraucher erforderlich ist. Sie werden nach einer eingehenden Bewertung der Eigenschaften des Wirkstoffs und der beabsichtigten Verwendung des Pestizids abgeleitet. Diese gesetzlichen Grenzwerte gelten auch für importierte Lebensmittel.

Bevor eine Rückstandshöchstmenge festgelegt oder geändert werden kann – etwa weil ein Antragsteller die Zulassung eines neuen Pflanzenschutzmittels beantragt – bewertet die EFSA das Rückstandsverhalten des Pestizids und mögliche Gesundheitsrisiken für Verbraucher infolge von Rückständen in Lebensmitteln. Sofern die EFSA bei der Risikobewertung keine unannehmbaren Risiken für Verbraucher ermittelt, werden EU-weit harmonisierte Rückstandshöchstgehalte festgelegt (Database of MRLs in the EU) und das Pflanzenschutzmittel kann zugelassen werden.

Neben der Bewertung neuer Rückstandshöchstgehalte prüft das Referat Petizide, in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten, auch die wissenschaftlichen Grundlagen geltender Rückstandshöchstgehalte und nimmt Bewertungen des Verbraucherrisikos vor, um sicherzustellen, dass sie den aktuellen Datenanforderungen entsprechen und die Sicherheit der Verbraucher gewährleisten. 

Die Ergebnisse der MRL-Bewertungen der EFSA werden in begründeten Stellungnahmen präsentiert.

Die chronische (langfristige) und akute (kurzzeitige) ernährungsbedingte Verbraucherexposition gegenüber Pestizidrückständen werden mittels eines von der EFSA entwickelten Berechnungsmodells (PRIMo – Pesticide Residue Intake Model) abgeschätzt. Das Modell beruht auf von den Mitgliedstaaten übermittelten nationalen Daten zum Lebensmittelverzehr sowie Gewichtsangaben pro Einheit und folgt international anerkannten Methoden der Risikobewertung.

Jahresbericht über Pestizidrückstände

Die Mitgliedstaaten sind zur Durchführung von Kontrollen verpflichtet, um sicherzustellen, dass in Verkehr gebrachte Lebensmittel keine Rückstände über den gesetzlichen Grenzwerten enthalten. Die europäischen Überwachungsprogramme stellen zusammengenommen eines der weltweit umfassendsten Programme zur Erhebung von Lebensmitteldaten dar, im Rahmen dessen mehr als 75.000 Lebensmittelproben auf über 600 verschiedene Pestizide hin analysiert werden.

Das Referat Pestizide ist für die Erstellung von Jahresberichten über die Kontrolltätigkeit der EU-Mitgliedstaaten sowie der beiden EWR-Länder Norwegen und Island zuständig. Diese Berichte fassen die Ergebnisse der Pestizid-Analysen von Lebensmitteln zusammen, geben Hinweise auf Problembereiche in Bezug auf die Einhaltung gesetzlicher Grenzwerte und enthalten Abschätzungen der Verbraucherexposition gegenüber Pestizidrückständen durch in Verkehr befindliche Lebensmittel. Darüber hinaus macht die EFSA Vorschläge im Hinblick darauf, wie künftige Kontrollprogramme noch effizienter gestaltet werden könnten.

Completed work
E.g., 07/31/2016
E.g., 07/31/2016

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1. Worum geht es in dem Gutachten der EFSA zu kumulativen Bewertungsgruppen?

Die EFSA hat eine neue allgemeine Methodik für die Einordnung von Pestiziden in sogenannte kumulative Bewertungsgruppen (cumulative assessment groups – CAG) entwickelt. Der Ansatz basiert auf der Ermittlung von Verbindungen, die in einem bestimmten Organ oder System ähnliche toxikologische Eigenschaften zeigen. Die Entwicklung eines neuen Verfahrens, um Pestizide auf diese Weise zu gruppieren, stellt einen wichtigen Schritt im Rahmen der laufenden Arbeiten der EFSA zur Einführung einer Methode für die kumulative Risikobewertung von Pestiziden dar.

2. Was ist eine kumulative Risikobewertung?

Dies ist die Bewertung von Risiken, die sich aus der Exposition gegenüber mehr als einem Pestizid ergeben.

3. Wie trägt das aktuelle Gutachten über kumulative Bewertungsgruppen insgesamt zur Arbeit der EFSA auf dem Gebiet der kumulativen Risikobewertung bei?

Die Ermittlung von Pestiziden, die in diese Gruppen zusammengefasst werden können, stellt für die Arbeit der EFSA im Hinblick auf die Einführung der durch europäisches Recht geforderten kumulativen Risikobewertung einen wesentlichen Schritt nach vorne dar. Der Ansatz soll schrittweise als Bestandteil des Regulierungsverfahrens für die Anwendung von Pestiziden in der Europäischen Union eingeführt werden.

4. Worin besteht die allgemeine Methodik der EFSA zur Erstellung von kumulativen Bewertungsgruppen?

Die Gruppen werden durch die Ermittlung von Pestiziden gebildet, die in einem bestimmten Organ oder System ähnliche toxische Eigenschaften zeigen. Dies umfasst vier verschiedene Schritte:
  1. die Feststellung spezifischer und eindeutiger toxischer Wirkungen, die ein menschliches Organ oder System beinträchtigen – bezeichnet als Gefahrenermittlung (z.B. ein Ungleichgewicht des Schilddrüsensystems)
  2. die Gefahrenbeschreibung, im Rahmen derer genau dargelegt wird, wie diese schädliche Wirkung bestimmte Organe oder Systeme beeinträchtigt (z.B. durch Ermittlung des am besten geeigneten Indikators für die spezifische Wirkung, beispielsweise ein Hormon)
  3. die Datensammlung – das Zusammentragen von Daten bezüglich der Indikatoren (z.B. Änderungen der Hormonspiegel bei der Dosis, bei der die schädliche Wirkung auftritt), die auf eine spezifische toxische Wirkung in Bezug auf ein Organ/System (z.B. ein Ungleichgewicht des Schilddrüsensystems) hinweisen
  4. die Zusammenfassung von Pestiziden mit einer ähnlichen toxikologischen Wirkung in kumulative Bewertungsgruppen für ein bestimmtes Organ oder System (z.B. die Schilddrüse)

Die allgemeine Methodik zur Erstellung von Bewertungsgruppen bedarf der Beurteilung durch Sachverständige und erfordert die Auswertung und Interpretation großer Mengen komplexer Daten.

5. Hat die EFSA kumulative Bewertungsgruppen für alle Organe und Organsysteme erstellt?

Nein, noch nicht. Im Rahmen des aktuellen Gutachtens hat das Gremium der EFSA für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände (PPR) die allgemeine Methodik angewandt, um Gruppen von Pestiziden, die toxisch für das Schilddrüsen- bzw. das Nervensystem sind, zu erstellen. Die Festlegung von kumulativen Bewertungsgruppen für spezifische Wirkungen auf zahlreiche andere Organe/Organsysteme steht noch aus. Die EFSA hat jedoch bereits umfangreiche Vorarbeiten zur Entwicklung von kumulativen Bewertungsgruppen für Wirkungen auf andere Organe oder Organsysteme durchgeführt, so etwa für das Reproduktionssystem, die Leber, Augen und Nebennieren.

6. Wie sehen die weiteren Pläne der EFSA hinsichtlich der Einführung der kumulativen Risikobewertung aus?

Die EFSA wird nun damit beginnen, die kumulative Risikobewertung schrittweise bei ihrer Arbeit im Bereich Pestizide anzuwenden, um die künftigen Prioritäten für die Weiterentwicklung dieser Methodik festzulegen. Dies geschieht in Absprache mit der Europäischen Kommission. Außerdem wird die Behörde voraussichtlich 2014 für die Interessengruppen eine „Informationssitzung“ zur Anwendung der kumulativen Risikobewertung organisieren.

7. Hat die EFSA weitere Arbeiten zur kumulativen Risikobewertung durchgeführt?

Die EFSA hat zwei frühere Gutachten zur kumulativen Risikobewertung veröffentlicht, in denen die Grundlagen für die aktuelle Methodik gelegt wurden. Im Jahr 2008 erarbeitete die EFSA verschiedene Kriterien für die Definition von kumulativen Bewertungsgruppen im Rahmen eines schrittweisen Ansatzes. Zu diesen Kriterien zählten die Notwendigkeit von Informationen über die chemische Struktur von Pestiziden, gemeinsame toxische Wirkungen und Wirkungsweisen. In einem zweiten Gutachten von 2009 wurde eine Gruppe von Pestiziden mit ähnlicher chemischer Struktur – die sogenannten Triazole – ausgewählt, um die im ersten Gutachten vorgeschlagene Methodik zu evaluieren. Das PPR-Gremium gelangte zu dem Schluss, dass die Kriterien für die Auswahl von Pestiziden vereinfacht werden sollten; hierzu sollte eine praktische Methode entwickelt werden, die so differenziert sei, wie es die vorliegenden Daten erlauben. Darüber hinaus veröffentlichte die EFSA im Jahr 2012 Leitlinien zu Expositionsabschätzung, die zur Durchführung präziserer kumulativer Risikobewertungen für Pestizide in der Ernährung erforderlich sind. Derzeit erstellt die EFSA ein Gutachten über die Verfeinerung und Untermauerung der aktuellen Methodik zur Erstellung von kumulativen Bewertungsgruppen, das Ende 2013 veröffentlicht werden soll.

Was besagt das Leitliniendokument?

Die EFSA hat die erste harmonisierte Methodik zur Bewertung von Risiken entwickelt, die für Anwender, Arbeiter, Anwohner und Umstehende durch eine Exposition gegenüber Pestiziden bestehen. Die Leitlinien sehen eine einheitliche Vorgehensweise für die Berechnung der nicht lebensmittelbedingten Pestizidexposition dieser Hauptbevölkerungsgruppen vor. Hierzu hat die EFSA ein einfach zu verwendendes Software-Tool entwickelt, das Expositionsabschätzungen mit nur einem Mausklick berechnet.

Weshalb hat die EFSA die vorliegenden Leitlinien entwickelt?

Die Leitlinien bauen auf den bisherigen, von der EFSA 2007 und 2010 erstellten Arbeiten zur Abschätzung der Pestizidexposition von Anwendern, Arbeitern, Anwohnern und Umstehenden auf. Das im Oktober 2014 veröffentlichte Dokument geht auf Fragen ein, die von der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten im Anschluss an die Veröffentlichung des ursprünglichen wissenschaftlichen Gutachtens 2010 in diesem Zusammenhang aufgeworfen wurden.

Wie sollen die Leitlinien genutzt werden?

Die Leitlinien sollen EU-Risikobewerter und Antragsteller aus der Industrie bei der Berechnung des Risikos für Personen unterstützen, die Pestiziden ausgesetzt sind – sei es aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit oder der räumlichen Nähe (des Orts, wo sie leben, arbeiten bzw. zur Schule gehen) zu Bereichen, in denen diese chemischen Stoffe eingesetzt werden. Die Leitlinien helfen bei der Abschätzung der nicht lebensmittelbedingten Exposition gegenüber Pestiziden, insbesondere durch Einatmen bzw. Aufnahme über die Haut, aber auch durch eine mögliche Aufnahme über Hand-zu-Mund-Kontakt.

Auf welche Bevölkerungsgruppen beziehen sich die Leitlinien?

Die Leitlinien gehen auf vier Hauptbevölkerungsgruppen ein:

  • Anwender – Landwirte, die Tätigkeiten im Zusammenhang mit dem Einsatz von Pestiziden ausüben, z. B. das Mischen und Befüllen von Maschinen mit Pestiziden oder das Bedienen, Reinigen, Leeren und Reparieren solcher Geräte.
  • Arbeiter – Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit einen Bereich betreten, der zuvor mit Pestiziden behandelt wurde, oder die Nachfolgearbeiten in/auf mit Pestiziden behandelten Kulturen durchführen.
  • Anwohner – Personen, die in der Nähe eines Gebiets, in dem Pestizide eingesetzt werden, leben, arbeiten oder zur Schule gehen und keine Schutzmaßnahmen zur Reduzierung der Exposition ergreifen (also z. B. keine Schutzkleidung tragen). Hierbei ist anzunehmen, dass es sich um eine längerfristige Exposition handelt.
  • Umstehende – Personen, die sich innerhalb oder in der Nähe eines Gebiets aufhalten, das mit Pestiziden behandelt wird, und die keine Schutzmaßnahmen ergreifen. Hierbei ist anzunehmen, dass es sich um eine kurzfristige Exposition handelt

Wie können Risikobewerter, Pflanzenschutzunternehmen und Forscher die Methodik anwenden?

Die EFSA hat einen benutzerfreundlichen Rechner entwickelt, der Expositionsabschätzungen entsprechend der neuen Methodik durchführt. Ausgehend von exakten Daten aus zahlreichen Quellen führt das Tool mit einem einzigen Mausklick unmittelbare Expositionsabschätzungen durch. Nach Eingabe der wichtigsten Informationen, wie Bezeichnung des Pestizids, Rezepturtyp (flüssig oder granuliert etc.), der zu behandelnden Kulturen sowie der Ausbringungsmethode erstellt der Rechner für jede der vier genannten Bevölkerungsgruppen Echtzeitabschätzungen der nicht lebensmittelbedingten Exposition unter bestimmten Bedingungen. Anschließend vergleicht er die Expositionsabschätzungen mit Richtwerten für eine annehmbare Exposition gegenüber dem betreffenden Pestizid – und zeigt an, ob die Exposition über oder unter diesem Wert liegt.

Auf welchen allgemeinen Grundsätzen beruht die Methodik?

Im Leitliniendokument wird ein vierstufiger Ansatz zur Risikobewertung beschrieben, der sowohl realistische Situationen als auch solche mit einer hohen Exposition berücksichtigt, unter der Annahme, dass die Pestizide entsprechend einer guten landwirtschaftlichen Praxis eingesetzt werden:

  • Ermittlung, welche der vier Bevölkerungsgruppen möglicherweise Pestiziden ausgesetzt sein könnte und ob diese Exposition ein kurz- oder langfristiges Gesundheitsrisiko darstellt – man spricht hier von akut bzw. chronisch.
  • Durchführung einer standardisierten ersten Expositionsabschätzung (First-Tier Assessment), bei der ein hoher Sicherheitsfaktor mit einbezogen wird. Diese befasst sich mit der Gruppe, die dem Risiko ausgesetzt ist (Anwender, Arbeiter etc.) sowie der Frage, ob es erforderlich ist, die Exposition bei zwei oder mehr Tätigkeiten (z. B. Mischen und Versprühen) zu kombinieren. Berücksichtigt werden dabei auch die Art des Pestizids und die eingesetzten Sprühgeräte sowie die Frage, ob Schutzkleidung getragen wird oder nicht. Die EFSA ist der Auffassung, dass dieser Ansatz die meisten Expositionsszenarien abdeckt.
  • Anwendung spezieller (Ad-hoc-)Methoden zur Expositionsabschätzung in Fällen, in denen keine standardisierte First-Tier-Methode für Stufe 1 zur Verfügung steht oder Ad-hoc-Methoden als realistischer angesehen werden.
  • Spezielle höherstufige (Ad-hoc-)Expositionsabschätzungen können auch bei Expositionsszenarien vorgenommen werden, die vom standardisierten First-Tier-Ansatz erfasst werden. Dies sollte allerdings nur dann geschehen, wenn Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie zu einer verlässlicheren Expositionsabschätzung führen.

Empfiehlt die EFSA im Leitliniendokument weitere Maßnahmen?

Die EFSA unterstreicht, dass die Leitlinien aufgrund mangelnder Daten – insbesondere im Hinblick auf die Bewertung der Exposition von Anwohnern – eine Reihe von Unsicherheiten enthalten. Aus dem Dokument geht hervor, wo genau es noch an Daten fehlt. Die EFSA appelliert an Wissenschaftler aus den Mitgliedstaaten, Forschungseinrichtungen und die Industrie, die erforderlichen Daten zu generieren und zu übermitteln, damit die entwickelte Methodik weiter gestärkt werden kann.