Endokrin aktive Substanzen

Endokrin aktive Substanzen (EAS) sind Stoffe, die auf die normale Hormonaktivität Einfluss nehmen oder sie stören können. Führt dies zu Beeinträchtigungen, werden sie als endokrine Disruptoren (ED) bezeichnet.

Das endokrine System (Hormonsystem) ist für die Gesundheit von Mensch und Tier wichtig, da es die Hormonausschüttung steuert und reguliert. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse in diesem Bereich sind längst nicht ausreichend, und so ist das Verständnis dessen, was eine EAS oder ein ED ist, nach wie vor Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte.

Menschen und Tiere können sowohl durch die Ernährung als auch über andere Quellen einer Vielzahl von endokrin wirksamen Stoffen ausgesetzt sein. Diese können natürlich vorkommen (wie Phytoöstrogene in Soja) oder künstlich hergestellt worden sein. Beispiele für EAS, die mitunter in Lebensmitteln nachgewiesen werden, umfassen einige Pestizide, Umweltschadstoffe wie Dioxine und PCB sowie das Lebensmittelkontaktmaterial Bisphenol A. Einige EAS werden aufgrund ihrer endokrin aktiven Eigenschaften gezielt in der Medizin eingesetzt (z.B. in Antibaby-Pillen oder Schilddrüsenhormon-Ersatzpräparaten.

Abgeschlossene Arbeiten

Am 15. Juni 2016 legte die Europäische Kommission Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren auf dem Gebiet der Pflanzenschutzmittel und Biozide vor. Die Kommission empfahl dem Rat und dem Europäischen Parlament, einen soliden wissenschaftlich fundierten Ansatz zur Identifizierung endokriner Disruptoren zu verfolgen und die WHO-Definition zu übernehmen.

Im März 2013 veröffentlichte der Wissenschaftliche Ausschuss der EFSA ein wissenschaftliches Gutachten über die Gefahrenbewertung von endokrinen Disruptoren. Dieses befasste sich mit wissenschaftlichen Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren und der Eignung bestehender Prüfmethoden für die Bewertung der von diesen Substanzen vermittelten Wirkungen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt.

2015 Wissenschaftler der EFSA erzielen bedeutende Fortschritte im Hinblick auf potenzielle „endokrine Disruptoren“ in Pflanzenschutzmitteln. Mit ihrer Arbeit reagieren sie auf jüngste EU-Vorschriften, mit denen sich seit 2014 die Vorgehensweise der EFSA bei der Bewertung von in Pflanzenschutzmitteln verwendeten Wirkstoffen änderte.

2014 Die Europäische Kommission startet eine Online-Konsultation, die dazu beitragen soll, Kriterien für „endokrine Disruptoren“ zu definieren, so wie es die EU-Vorschriften zu Bioziden und Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) verlangen.

2013 Der Wissenschaftliche Ausschuss der EFSA veröffentlicht ein wissenschaftliches Gutachten über die Gefahrenbewertung von endokrinen Disruptoren. Dieses befasst sich mit wissenschaftlichen Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren und der Eignung bestehender Prüfmethoden für die Bewertung der von diesen Substanzen vermittelten Wirkungen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt.

Die Sachverständigen der EFSA kommen zu dem Schluss, dass international vereinbarte Prüfverfahren für die wichtigsten endokrinen Pfade bei Säugern und Fischen, die bekanntermaßen empfindlich auf endokrine Störungen reagieren, verfügbar sind bzw. es in Kürze sein werden: diese betreffen Östrogene, Androgene und Schilddrüsenhormone sowie die Steroidogenese (den biologischen Prozess zur Produktion von Steroiden). Die EFSA gelangt ferner zu dem Schluss, dass ein Risikobewertungsansatz, der sowohl potenzielle Beeinträchtigungen durch endokrin aktive Substanzen als auch die jeweilige Expositionswahrscheinlichkeit berücksichtigt, die bestmögliche Nutzung der vorliegenden Informationen zur Regulierung des Einsatzes der betreffenden Stoffe darstellt.

2012 Die Europäische Kommission ersucht die EFSA, in Kooperation mit den Wissenschaftlichen Ausschüssen der Kommission und anderen EU-Agenturen mit ähnlichen Aufgaben (EMA, ECHA), wissenschaftliche Beratung zur Bewertung und Prüfung von endokrin wirksamen Substanzen zu leisten. Die EFSA nimmt das Mandat an und erstellt eine Bestandsaufnahme der vorliegenden Daten, aktuellen Erkenntnisse und wissenschaftlichen Aktivitäten zu „endokrinen Disruptoren“.

2010 Der Wissenschaftliche Ausschuss der EFSA setzt mit Unterstützung ihres Beirats (der sich aus den national zuständigen Behörden in Europa zusammensetzt) eine Taskforce für endokrin wirksame Substanzen ein, die den aktuellen Kenntnisstand über diese Stoffe klären sowie Empfehlungen zu wissenschaftliche Fragen und zur Kommunikation in diesem Bereich geben soll. In einem wissenschaftlichen Bericht schlägt die Taskforce vor, dass die EFSA zu den Arbeiten der Europäischen Kommission sowie OECD-Aktivitäten im Zusammenhang mit Leitlinien für die Chemikalienprüfung beiträgt.

Die Aufgabe der EFSA innerhalb des Lebensmittelsicherheitssystems der Europäischen Union (EU) besteht in der Bewertung von und Kommunikation zu allen Risiken im Zusammenhang mit der Lebensmittelkette. Endokrine Wirkungen zählen zu den toxikologischen Endpunkten (d.h. den erwarteten Ergebnissen eines Tests oder Versuchs), welche die Wissenschaftler der EFSA berücksichtigen, wenn sie Risikobewertungen zu chemischen Stoffen durchführen, die in der Lebensmittelkette vorkommen. Die wissenschaftliche Beratung der Behörde dient als Informationsgrundlage für die Entscheidungen der EU-Risikomanager (Europäische Kommission, Europäisches Parlament und Mitgliedstaaten), welche die Verwendung dieser Stoffe in verschiedenen Bereichen regeln.

  • Einige Wissenschaftliche Gremien der EFSA sind gelegentlich im Rahmen ihrer Arbeit an der Bewertung von Substanzen mit endokrin wirksamen Eigenschaften beteiligt: das Gremium für Kontaminanten in der Lebensmittelkette, das Gremium für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände sowie das Gremium für Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, Enzyme, Aromastoffe und Verarbeitungshilfsstoffe.
  • Der Wissenschaftliche Ausschuss der EFSA leistet wissenschaftliche Beratung zu bereichsübergreifenden Fragen im Zusammenhang mit der Risikobewertungstätigkeit der Behörde. Mit seiner Beratung unterstützt er die Weiterentwicklung harmonisierter, einheitlicher Risikobewertungsansätze, auch in Bereichen, wo sie in Bezug auf endokrin wirksame Substanzen relevant sein könnten.

Um die Identifizierung und Bewertung endokrin disruptiver Eigenschaften von Substanzen zu ermöglichen, sind zuverlässige Testmethoden und Prüfstrategien erforderlich. In diesem Zusammenhang ist die Harmonisierung der Chemikalienprüfung seit den 1980er Jahren ein ständiges Betätigungsfeld der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Eine Hauptaufgabe bezieht sich seit 1997 auf endokrine Disruptoren; unter diesem Dach wurden sowohl spezifische Tests als auch ein konzeptioneller Rahmen für derartige Tests entwickelt. Die EFSA leistet der OECD bei einer Reihe diesbezüglicher Aktivitäten technische Unterstützung.

Zwischen 1996 und 2000 koordinierte und entwickelte die europäische Kommission zusammen mit dem Europäischen Parlament, den EU-Mitgliedstaaten und europäischen wissenschaftlichen Beratungsgremien eine Gemeinschaftsstrategie in Bezug auf endokrine Disruptoren. Die Ziele waren, das Problem endokriner Disruptoren, dessen Ursachen und Folgen zu ermitteln sowie geeignete politische Maßnahmen vorzuschlagen, um rasch und wirksam auf das Problem zu reagieren und so den Bedenken der Öffentlichkeit zu begegnen. Im Zuge dieser Strategie wurden kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen festgelegt, um den potenziellen Folgen endokriner Disruptoren für Umwelt und Gesundheit innerhalb der EU Rechnung zu tragen.

Die Kommission wurde ersucht, Stoffe zu ermitteln, die bei der Ergreifung unmittelbarer Maßnahmen vorrangig zu berücksichtigen sind. Diese Liste von Substanzen führte zur Entwicklung von europäischen Rechtsvorschriften zur Regulierung ihrer Verwendung in bestimmten Bereichen:

  • Chemische StoffeVerordnung EG 1907/2006 zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) – Substanzen mit endokrin disruptiven Eigenschaften können als besonders besorgniserregende Stoffe (Substances of Very High Concern – SVHC) identifiziert und als zulassungspflichtig erklärt werden.
  • Pestizide Verordnung EG 1107/2009 über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln – Stoffe, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie endokrin disruptive Eigenschaften haben, die möglicherweise schädlich für Menschen oder Nichtzielorganismen sind, können nicht zugelassen werden. Die Zulassung wird jedoch nicht verweigert, wenn die Exposition unter den Bedingungen der Anwendung vernachlässigbar ist oder aber der betreffende Stoff zur Bekämpfung einer ernsten Gefahr für die Pflanzengesundheit notwendig ist, die nicht mit anderen zur Verfügung stehenden Mitteln, einschließlich nicht-chemischer Verfahren, einzudämmen ist.
  • BiozideVerordnung EU 528/2012 über die Bereitstellung auf dem Markt und die Verwendung von Biozidprodukten – diese Substanzen werden nicht zugelassen, wenn sie endokrin disruptive Eigenschaften haben. Die Zulassung wird jedoch nicht verweigert, wenn das Risiko für Mensch und Umwelt vernachlässigbar ist, wenn die Substanz wesentlich für die Bekämpfung ernster Gesundheitsrisiken ist oder wenn die Nichtzulassung, gemessen an den Risiken für Mensch und Umwelt, zu unverhältnismäßigen negativen Auswirkungen für die Gesellschaft führen würde.
  • KosmetikaVerordnung EG 1223/2009 über kosmetische Mittel – endokrin disruptive Substanzen unterliegen derzeit keiner Beschränkung; dies wird allerdings überprüft werden, sobald international vereinbarte bzw. EU-Kriterien für die Identifizierung von Substanzen mit endokrin disruptiven Eigenschaften vorliegen.
  • WasserqualitätRichtlinie zum Ordnungsrahmen für die Wasserpolitik (2000/60/EG) – beinhaltet eine Strategie gegen die Verschmutzung von Oberflächenwasser durch chemische Schadstoffe und besonders bedenkliche Substanzen in der EU, einschließlich einiger potenzieller endokrin disruptiver Substanzen. 2012 schlug die Kommission vor, die Liste prioritärer Stoffe zu ergänzen. Obwohl kein direkter Bezug genommen wird, könnten endokrin disruptive Eigenschaften ein wichtiges Kriterium für die Einordnung von Stoffen bzw. Stoffgruppen in diese Kategorie darstellen.

Überprüfung der EU-Strategie

Im Jahr 2009 gab die Generaldirektion Umwelt der Kommission eine Studie zum „Aktuellen Stand hinsichtlich der Bewertung endokriner Disruptoren“ in Auftrag, um eine Grundlage für die Entwicklung wissenschaftlicher Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren sowie für die Überprüfung und eventuelle Überarbeitung der EU-Strategie (vormals Gemeinschaftsstrategie) zu endokrinen Disruptoren zu schaffen. Die Studie wurde im Januar 2012 veröffentlicht und enthält eine Auswertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der in den vorangegangenen 10 Jahren veröffentlichten Fachliteratur. In diesem Rahmen wurden außerdem Bewertungsansätze für endokrine Disruptoren zusammengetragen, die in ausgewählten Mitgliedstaaten, weiteren Ländern außerhalb der EU und internationalen Institutionen (z.B. der Weltgesundheitsorganisation) verwendet werden.

Als Folgemaßnahme zu dieser Studie organisierte die Kommission im Juni 2012 eine Konferenz zum Thema „Endokrine Disruptoren: Aktuelle Herausforderungen in Politik und Wissenschaft“. Beide Initiativen zusammengenommen boten eine Plattform für die Überprüfung der Strategie und lieferten wertvolle Beiträge für den oben erwähnten anstehenden Legislativvorschlag zur Festlegung von Kriterien für die Identifizierung von Substanzen mit endokrin disruptiven Eigenschaften. Darüber hinaus veröffentlichte die Europäische Umweltagentur (EEA) einen Bericht mit dem Titel „Die Auswirkungen endokriner Disruptoren auf wild lebende Tiere, Menschen und ihre Umwelt – Weybridge+15 (1996-2011)“.

Ende 2014 führte die Europäische Kommission eine Online-Konsultation durch, die dazu beitragen sollte, Kriterien für „endokrine Disruptoren“ zu definieren, so wie es die EU-Vorschriften zu Bioziden und Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) verlangen.

Am 15. Juni 2016 legte die Europäische Kommission Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren auf dem Gebiet der Pflanzenschutzmittel und Biozide vor. Die Kommission empfahl dem Rat und dem Europäischen Parlament, einen soliden wissenschaftlich fundierten Ansatz zur Identifizierung endokriner Disruptoren zu verfolgen und die WHO-Definition zu übernehmen.

1. Was ist das endokrine System? Warum ist es für die Gesundheit von Bedeutung?

Das endokrine System (Hormonsystem) ist ein Netzwerk von Drüsen, das die Ausschüttung von Hormonen sowie den Hormonspiegel im Körper steuert und reguliert. Bei Hormonen handelt es sich um chemische Botenstoffe, die von wesentlicher Bedeutung für den Ablauf von Körperfunktionen wie Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung, Schlaf und Stimmung sind. Bereits geringste Mengen eines Hormons können ausreichen, um eine bestimmte Wirkung auszulösen. Das endokrine System ist komplex, und das die Hormonausschüttung regulierende Zusammenspiel seiner einzelnen Elemente hängt von einer Vielzahl biologischer und physiologischer Faktoren ab. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über dieses System sind längst noch nicht ausgereift.

Ein Ungleichgewicht oder eine Fehlfunktion des Hormonsystems kann zu wohlbekannten Krankheiten wie Diabetes und Übergewicht führen, aber auch Unfruchtbarkeit und bestimmte Arten von Krebs auslösen. Störungen des Hormonsystems können auch für Geburtsschäden oder Lernbehinderungen ursächlich sein.

2. Was sind endokrin aktive Substanzen? Worin besteht der Unterschied zu „endokrinen Disruptoren“?

Endokrin aktive Substanzen sind chemische Stoffe, die das Hormonsystem beeinflussen oder stören können. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen: Einige Stoffe ahmen natürliche Hormone nach, lösen jedoch unerwünschte Reaktionen aus oder blockieren die Wirkung natürlicher Hormone. Andere Stoffe verändern den Hormonspiegel im Körper oder greifen in die Stoffwechselprozesse ein, die natürliche Hormone abbauen. Dabei ist zu betonen, dass solche Wirkungen nicht notwendigerweise schädlich sind. Das Hormonsystem kann sich – abhängig von Faktoren wie Beschaffenheit und Dosis der Substanz, Zeitpunkt der Exposition, Art der Wirkung und körperlicher Verfassung – an die beschriebenen Reize anpassen. Diese Fähigkeit des Hormonsystems wird zuweilen als adaptive Reaktion oder „physiologische Modulation“ beschrieben. Führen besagte Wechselwirkungen oder Störungen allerdings zu Beeinträchtigungen, bezeichnet man diese Substanzen als endokrine Disruptoren.

3. Warum bestehen Bedenken hinsichtlich endokriner Disruptoren?

Eine Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren könnte die Wahrscheinlichkeit kurzfristig oder im späteren Lebensverlauf auftretender Beeinträchtigungen erhöhen. Bedenken in Bezug auf mögliche schädliche Wirkungen durch endokrine Disruptoren haben in den letzten Jahren zugenommen, da Beobachtungen bei Menschen und wild lebenden Tieren auf einen zunehmenden Anteil endokriner Krankheiten und Störungen, einschließlich Beeinträchtigungen der Fortpflanzungsfähigkeit und Entwicklung in menschlichen Bevölkerungsgruppen, hindeuten. Die wissenschaftlichen Grundlagen, um all diese Tendenzen mit endokrinen Disruptoren in Zusammenhang zu bringen (und andere Faktoren wie Änderungen im Lebenswandel oder genetische Hintergründe auszuschließen) sind nicht eindeutig.

4. Was sind Empfänglichkeitsfenster?

Das Risiko schädlicher Wirkungen durch eine Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren kann während kritischer Entwicklungsphasen (wie Empfängnis, Schwangerschaft, Säuglingsalter, Kindheit und Pubertät) zunehmen. Wissenschaftler bezeichnen diese kritischen Phasen, in denen der Körper empfindlicher auf hormonelle Aktivität reagiert, als „Empfänglichkeitsfenster“. Diese betreffen jedoch nicht ausschließlich endokrine Disruptoren; die Exposition gegenüber anderen potenziell schädlichen Substanzen (die keine Wirkung auf das Hormonsystem haben) kann ebenfalls während kritischer Lebensphasen das Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen erhöhen.

5. Sind endokrin aktive Substanzen in Lebensmitteln oder anderen verbrauchernahen Erzeugnissen zu finden?

Wir sind potenziell einer Vielzahl unterschiedlichster endokrin aktiver Substanzen ausgesetzt – diese können natürlich in der Nahrung vorkommen oder infolge menschlicher Aktivität in die Umwelt gelangen. Beispiele für natürlich in Lebensmitteln vorkommende Stoffe mit möglicherweise hormoneller Wirkung sind in Pflanzen enthaltene Phytoöstrogene wie Isoflavone, die häufig in Nüssen, Ölsamen und Sojaprodukten vorkommen. Ein weiteres Beispiel ist Glycirrhizin in Lakritze, das die für die Blutdruckregelung wichtige hormonelle Steuerung des Mineral- und Flüssigkeitshaushalts (“Elektrolythaushalt”) im Blut und verschiedenen Organen stören kann. Beispiele für endokrin aktive Substanzen, die mitunter in Lebens- und Futtermitteln nachgewiesen werden, umfassen eine Reihe von Pestiziden, einige in Lebensmittelkontaktmaterialien verwendete Substanzen wie Bisphenol A (BPA) sowie Umweltschadstoffe wie Dioxine und PCB. Einige endokrin aktive Substanzen werden aufgrund ihrer endokrin aktiven Eigenschaften gezielt in der Medizin eingesetzt (z. B. in Antibaby-Pillen oder Schilddrüsenhormon-Ersatzpräparaten).

6. Um was wurde die EFSA im Zusammenhang mit endokrinen Disruptoren und endokrin aktiven Stoffen ersucht?

Der EFSA wurde das Mandat erteilt, die Auswirkungen von in der Lebensmittelkette vorkommenden endokrin aktiven Stoffen aufzuzeigen und zu beschreiben. Die Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher (GD SANCO) der Europäischen Kommission ersuchte die EFSA um die Erstellung eines wissenschaftlichen Gutachtens, in dem eine Bestandsaufnahme der vorliegenden wissenschaftlichen Informationen zu drei Schlüsselfragen vorgenommen werden sollte:

  • Anhand welcher wissenschaftlichen Kriterien werden endokrine Disruptoren identifiziert?
  • Welche Kriterien können herangezogen werden, um mögliche schädliche Wirkungen eines endokrinen Disruptors von der normalen Regulation der menschlichen Körperfunktionen bzw. des Ökosystems zu unterscheiden?
  • Erfassen die bestehenden Methoden der Toxizitätsprüfung die Wirkungen endokrin wirksamer Stoffe in ausreichender Weise?

Die Kommission bat die EFSA, ihr wissenschaftliches Gutachten bis März 2013 vorzulegen.

Frühere Arbeiten der EFSA in diesem Bereich umfassen einen im Jahr 2010 veröffentlichten Bericht zu endokrin aktiven Substanzen, der über den aktuellen Stand informierte und Empfehlungen im Hinblick auf wissenschaftliche und die Kommunikation betreffende Fragen enthielt. Außerdem veranstaltete die EFSA im Juni 2012 ein wissenschaftliches Kolloquium zur Wirkung niedriger Dosen in Toxikologie und Risikobewertung, an dem über 100 Sachverständige aus 21 Ländern teilnahmen.

7. Warum wurde die EFSA um die Erstellung dieser Arbeit ersucht?

Der Beitrag der EFSA ist Teil einer breiter angelegten EU-Initiative. Die Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission koordiniert die Überarbeitung der EU-Strategie zu endokrinen Disruptoren. Die Kommission ist in diesem Zusammenhang aufgefordert, Vorschläge für eine Gesetzgebung zu unterbreiten, die Kriterien für die Identifizierung endokrin disruptiver Eigenschaften von Stoffen festlegt. Die wissenschaftliche Beratung der EFSA erfolgt im Rahmen dieser Überarbeitung und dient den EU-Entscheidungsträgern als Informationsgrundlage bei der Aktualisierung der bestehenden Gesetzgebung in verschiedenen Bereichen (chemische Stoffe, Pestizide, Biozide).

Das Gutachten der EFSA fließt auch in ihre eigenen laufenden und zukünftigen wissenschaftlichen Arbeiten in Bereichen wie Lebensmittelkontaktmaterialien, Pestizide und Kontaminanten in Lebens- und Futtermitteln ein.

8. Wie trägt das Gutachten der EFSA zur Debatte über diese Substanzen bei?

Die EFSA erstellte einen Überblick über die derzeit verfügbaren Prüfmethoden, um die Risikomanager dabei zu unterstützen, anhand wissenschaftlich begründeter Kriterien festzulegen, was ein endokriner Disruptor ist und was nicht. Die EFSA betont dabei, dass es sich nicht bei allen endokrin wirksamen Stoffen um endokrine Disruptoren handelt. Dies hängt vielmehr davon ab, ob begründete Hinweise dafür vorliegen, dass der betreffende Stoff aufgrund seiner Beeinflussung bzw. Störung des Hormonsystems eine schädliche Wirkung herbeiführen kann. Die Zusammenstellung und Bewertung der derzeitigen Prüfmethoden war ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit, der zu den in der EU und international geführten Diskussionen in diesem Bereich beiträgt.

9. Wie können Wissenschaftler „endokrin disruptive Wirkungen“ identifizieren?

Die EFSA befürwortet die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), nach der ein Stoff folgende drei Kriterien erfüllen muss, um als endokriner Disruptor zu gelten: erstens, das Vorhandensein einer schädlichen Wirkung; zweitens, das Vorhandensein einer endokrinen Aktivität; sowie, drittens, ein plausibler ursächlicher Zusammenhang zwischen beiden. Da jedoch keine spezifischen wissenschaftlichen Kriterien festgelegt wurden, um potenzielle schädliche Wirkungen endokriner Disruptoren (oder sonstiger Substanzen) von der normalen Regulation der Körperfunktionen (sogenannte „adaptive Reaktionen“) zu unterscheiden, müssen Sachverständige die vorliegenden Daten von Fall zu Fall für jeden einzelnen Stoff gewichten.

10. Können die derzeitigen Prüfmethoden geeignete Daten für diese Aufgabe generieren?

Die Sachverständigen der EFSA untersuchten die (international) standardisierten Prüfverfahren zur Identifizierung endokrin aktiver Stoffe. Sie kamen dabei zu dem Ergebnis, dass eine einigermaßen vollständige Reihe von „Assays“ (Tests oder Versuchen) verfügbar ist bzw. in Kürze sein wird, um vier wichtige Pfade des endokrinen Systems bei Säugern und Fischen angemessen abzudecken, von denen wir wissen, dass sie auf endokrine Störungen empfindlich reagieren. Für Vögel und Amphibien sind weniger Tests verfügbar. Die hormonellen Pfade, für die die Prüfmethoden am besten geeignet sind, betreffen Östrogene, Androgene, Schilddrüsenhormone und Steroide.

Dabei ist zu betonen, dass vermutlich kein Einzeltest alle benötigten Informationen liefert, um zu entscheiden, ob es sich bei einem bestimmten Stoff um einen endokrinen Disruptor handelt oder nicht. Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass Tests generell so konzipiert sind, dass sie entweder eine endokrine Aktivität oder verschiedene Arten schädlicher Wirkungen nachweisen, aber nicht beides. Daher müssen verschiedene Tests durchgeführt werden, deren Ergebnisse dann zusammengenommen im Rahmen eines evidenzbasierten Ansatzes von Sachverständigen zu bewerten sind.

11. Was sagt das Gutachten der EFSA über so genannte „Wirkungen niedriger Dosen“ aus?

Nach der so genannten Niedrigdosis-Hypothese gibt es Substanzen, von denen man annimmt, dass sie bei Dosen oder Konzentrationen unterhalb derer, die als „Nicht-Effekt-Konzentrationen“ betrachtet werden, schädliche Wirkungen hervorrufen können. In seinem wissenschaftlichen Gutachten verweist der Wissenschaftliche Ausschuss der EFSA auf den Mangel an internationaler Übereinstimmung hinsichtlich des Vorhandenseins bzw. der Relevanz von Wirkungen niedriger Dosen. Auf Grundlage einer Fall-zu-Fall-Bewertung könnte – beim Auftreten ungewöhnlicher Befunde – eine umfangreichere Dosis-Wirkungs-Analyse unter Berücksichtigung eines breiteren Spektrums verabreichter Dosen durchgeführt werden. Die EFSA ist grundsätzlich der Ansicht, dass Beeinträchtigungen, die bei der niedrigsten Dosis mit beobachteter Wirkung (LOEL) auftreten, weiterhin als Richtschnur für Sicherheitsbewertungen verwendet werden sollten – unabhängig davon, ob sie auf endokrine Aktivität oder andere toxische Wirkungen zurückzuführen sind. Dies soll den Schutz vor sonstigen möglichen Auswirkungen auf das Hormonsystem bei höheren Dosen gewährleisten.

Ein weiterer Sachverhalt, der oft mit der Niedrigdosis-Hypothese verwechselt wird, jedoch getrennt davon zu betrachten ist, betrifft „nicht-monotone Dosis-Wirkungs-Beziehungen“. Bei den meisten Toxizitätstests von Chemikalien wird davon ausgegangen, dass mit Erhöhung der Dosis eines chemischen Stoffs auch die Wirkung und die Wahrscheinlichkeit schädlicher Wirkungen zunehmen. Nicht-monotone Dosis-Wirkungs-Kurven entstehen dann, wenn die Wirkung einer Substanz an einigen Punkten entsprechend der Dosis zunimmt und an anderen mit Erhöhung der Dosis abnimmt. Das Ergebnis können U-förmige Kurven oder unregelmäßige Muster sein. In ihrem Gutachten empfiehlt die EFSA, dass solche Beziehungen Gegenstand zukünftiger wissenschaftlicher Aktivitäten sein sollten. Die Behörde weist aber auch darauf hin, dass diese Wirkungen nicht ausschließlich endokrin aktive Substanzen betreffen, sondern für das gesamte Spektrum chemischer Stoffe berücksichtigt werden sollten.

12. Geht das Gutachten auf die Frage „chemischer Gemische“ ein?

Bei gleichzeitiger Exposition gegenüber mehreren chemischen Stoffen (oder „chemischen Gemischen“) besteht die Möglichkeit einer kombinierten Toxizität. Auch dies ist eine Problematik, die nach Ansicht der EFSA nicht ausschließlich endokrin aktive Substanzen betrifft. Die Behörde befasst sich mit diesem Thema im Rahmen anderweitiger Aktivitäten.

2013 veröffentlichte die EFSA einen wissenschaftlichen Bericht, der einen Überblick über internationale Bewertungsrahmen für chemische Gemische gibt. Der Bericht unterstützt die Einführung harmonisierter Terminologien und Methoden für Risikobewerter und dient der Behörde als Grundlage für zukünftige Arbeiten auf diesem Gebiet. Ein zweiter Bericht, über moderne Methoden und Instrumente für die Bewertung des Gefährdungspotenzials chemischer Stoffe für den Menschen, erschien 2014. Der Bericht enthält Beispiele aus der wissenschaftlichen Fachliteratur und zu internationalen Bemühungen sowie Perspektiven für die mögliche künftige Anwendung dieser modernen Methoden und Instrumente bei der Risikobewertung chemischer Gemische.

13. Inwiefern betreffen die wissenschaftlichen Empfehlungen der EFSA zu endokrin aktiven Substanzen die Verbraucher?

Die Bewertung der derzeit verfügbaren Prüfmethoden durch die EFSA soll Risikomanager dabei unterstützen, anhand wissenschaftlich begründeter Kriterien festzulegen, was ein endokriner Disruptor ist und was nicht. Dies wird dazu beitragen Schutzziele festzulegen, die den bestmöglichen Grad an Schutz für Verbraucher, Tiere und Umwelt gewährleisten sollen.

14. Wie werden die Arbeitsergebnisse konkret Verwendung finden?

Die Arbeiten der EFSA zu diesem Thema konzentrieren sich zwar hauptsächlich auf endokrin wirksame Substanzen im Zusammenhang mit der Lebensmittelkette (z. B. Pestizide), leisten aber auch einen Beitrag zu einer breiter angelegten Initiative, die von der Europäischen Kommission koordiniert wird; darüber hinaus sollen sie als Informationsgrundlage die EU-Entscheidungsträger bei der Aktualisierung der derzeitigen Gesetzgebung zur Regulierung endokrin wirksamer Stoffe in verschiedensten Bereichen (chemische Stoffe, Pestizide, Biozide) unterstützen.

Die EFSA gibt außerdem konkrete Empfehlungen bezüglich zukünftiger Maßnahmen, u. a. im Hinblick auf Prüfmethoden und -strategien, die dazu beitragen sollen, geeignete Daten zur Bewertung möglicher endokrin disruptiver Eigenschaften zu generieren. Die EFSA empfiehlt ferner, in einem umfassenderen Zusammenhang zu klären, inwiefern eine Reihe von Fragen, die nicht ausschließlich endokrin aktive Substanzen betreffen, einen Einfluss auf die derzeitigen Methoden und Prüfstrategien haben könnten (so etwa Kriterien für gesundheitsschädliche bzw. -unschädliche Wirkungen, die kombinierte Exposition gegenüber mehreren chemischen Stoffen oder nicht monotone Dosis-Wirkungs-Beziehungen).

15. Entscheidet die EFSA darüber, ob ein endokriner Disruptor verboten werden soll oder nicht?

Die Behörde ist weder für die Zulassung noch das Verbot von Stoffen zur Verwendung in Lebensmitteln zuständig. Es liegt in der Verantwortung der Risikomanager der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments und der EU-Mitgliedstaaten, falls erforderlich, entsprechende Maßnahmen festzulegen und zu vereinbaren sowie dabei wissenschaftliche Empfehlungen sowie weitere Überlegungen zu berücksichtigen.

Die Rolle der EFSA besteht darin, Risikomanagern unabhängige wissenschaftliche Beratung zur Sicherheit von Lebens- und Futtermitteln zu liefern und ihre Empfehlungen der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Vor diesem Hintergrund führen der Wissenschaftliche Ausschuss der EFSA und die Wissenschaftlichen Gremien der Behörde Sicherheitsbewertungen durch und werten neue Daten aus.

Als wissenschaftsbasierte Organisation empfiehlt die EFSA, dass diese Substanzen – wie alle anderen Stoffe in der Lebensmittelkette – einer Risikobewertung unterzogen werden, um die vorliegenden Daten bestmöglich zur Gewährleistung der Verbrauchersicherheit zu verwenden. Ein solcher Ansatz berücksichtigt sowohl potenzielle schädliche Wirkungen von Stoffen als auch die jeweilige Expositionswahrscheinlichkeit gegenüber diesen Stoffen. Die EFSA ist der Auffassung, dass Wissenschaftler durch ihr sachverständiges Urteil und die Gewichtung der vorliegenden Daten Klarheit darüber schaffen können, was möglicherweise ein endokriner Disruptor ist und was nicht.