EFSA bewertet möglichen Zusammenhang zwischen zwei Neonikotinoiden und Entwicklungsneurotoxizität

Zwei Neonikotinoid-Insektizide – Acetamiprid und Imidacloprid – können sich unter Umständen auf das in Entwicklung begriffene menschliche Nervensystem auswirken, so die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Sachverständige der Behörde schlagen vor, einige der Richtwerte für eine annehmbare Exposition gegenüber den beiden Neonikotinoiden zu senken, während weitere Forschungen unternommen werden, um zuverlässigere Daten zur sogenannten Entwicklungsneurotoxizität (developmental neurotoxicity – DNT) zu gewinnen. Das Gremium der EFSA für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände (PPR-Gremium) fordert eine Festlegung von Kriterien auf EU-Ebene, um die verpflichtende Vorlage von DNT-Studien im Rahmen des Zulassungsverfahrens für Pestizide zu bewirken. Dies könnte die Entwicklung einer umfassenden Prüfstrategie für die Bewertung des DNT-Potentials von Substanzen, einschließlich aller Neonikotinoide, umfassen.

Die EFSA war von der Europäischen Kommission ersucht worden, ein wissenschaftliches Gutachten zu erstellen und dabei die jüngsten Forschungsergebnisse von Kimura-Kuroda[1] sowie vorliegende Daten zum Potential von Acetamiprid und Imidacloprid zu berücksichtigen, das in Entwicklung begriffene menschliche Nervensystem, insbesondere das Hirn, zu schädigen.

Das PPR-Gremium befand, dass Acetamiprid und Imidacloprid unter Umständen die Entwicklung von Neuronen und Hirnstrukturen, die etwa mit der Lern- und Gedächtnisfunktion in Verbindung stehen, beeinträchtigen können. Das Gremium kam zu dem Schluss, dass einige der aktuellen Richtwerte für eine annehmbare Exposition gegenüber Acetamiprid und Imidacloprid möglicherweise zu hoch sind, um im Hinblick auf Entwicklungsneurotoxizität ausreichend Schutz zu gewährleisten, und daher herabgesetzt werden sollten. Bei diesen sogenannten toxikologischen Referenzwerten handelt es sich um klare Vorgaben bezüglich der Menge einer Substanz, der Verbraucher ohne nennenswertes Gesundheitsrisiko kurz- und langfristig ausgesetzt werden können. Hierzu zählen zum Beispiel die akute Referenzdosis (ARfD), die zulässige Tagesdosis (ADI) und die annehmbare Anwenderexposition (AOEL) (Nähere Informationen dazu, wie diese Referenzwerte konzipiert werden, um den Schutz von Verbrauchern und Anwendern sicherzustellen, finden sich in den Hinweisen für die Redaktion).

Ausgehend von ihrer Auswertung der vorliegenden Informationen schlägt die EFSA Änderungen der folgenden toxikologischen Referenzwerte für Acetamiprid und Imidacloprid vor:

  • Für Acetamiprid sollten der derzeitige ADI-Wert und AOEL-Wert von 0,07 mg/kg Körpergewicht pro Tag und der ARfD-Wert von 0,1 mg/kg Körpergewicht auf 0,025 mg/kg Körpergewicht (pro Tag) gesenkt werden.
  • Für Imidacloprid sollten der derzeitige AOEL-Wert und ARfD-Wert von 0,08 mg/kg Körpergewicht pro Tag auf 0,06 mg/kg Körpergewicht pro Tag gesenkt werden. Der derzeitige ADI-Wert für Imidacloprid wird als angemessen erachtet, um Schutz im Hinblick auf mögliche entwicklungsneurotoxische Auswirkungen zu gewährleisten.

Die EFSA ist sich der eingeschränkten Aussagekraft der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse bewusst und empfiehlt die Durchführung weiterer Forschungsarbeiten zur Gewinnung zuverlässigerer Daten. Dessen ungeachtet war das PPR-Gremium der Meinung, dass die bei der Auswertung der vorliegenden Daten aufgeworfenen Gesundheitsbedenken berechtigt seien. Die EFSA unterstützt daher die Festlegung eindeutiger und konsistenter Kriterien, um die verpflichtende Vorlage von DNT-Studien im Rahmen des Zulassungsverfahrens für Pestizide in der EU zu bewirken. Dies könnte die Entwicklung einer integrierten DNT-Prüfstrategie umfassen, die einem stufenweisen Ansatz folgt. Hierbei würden zunächst Labortests mit Zellen (sogenannte In-vitro-Tests) eingesetzt und, falls die ersten Ergebnisse bezüglich des DNT-Potentials einer Substanz besorgniserregend sind, in einem weiteren Schritt Tierversuche (In-vivo-Tests) mit einbezogen. Das PPR-Gremium empfiehlt, dass im Rahmen einer solchen Prüfstrategie alle Neonikotinoid-Substanzen einer Bewertung unterzogen werden.

1. Was bedeutet Entwicklungsneurotoxizität?

Unter Entwicklungsneurotoxizität (developmental neurotoxicity – DNT) versteht man jede schädliche Wirkung auf die Chemie, Struktur oder Funktion des Nervensystems, die auf chemische oder physikalische Einflüsse während des Entwicklungsstadiums des Menschen als Fötus oder Kleinkind zurückzuführen ist.

2. Worum wurde die EFSA ersucht?

Auf Ersuchen der Europäischen Kommission bewertete das Gremium für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände (PPR) der EFSA das entwicklungsneurotoxische Potenzial von Acetamiprid und Imidacloprid.

3. Wie kam es zu diesem Ersuchen?

Das Ersuchen der Europäischen Kommission erfolgte als Reaktion auf eine kürzlich von Kimura-Kuroda[1] veröffentlichte wissenschaftliche Studie, der zufolge eine bestimmte Art von Rezeptoren im Gehirn – die sogenannten nicotinischen Acetylcholinrezeptoren (nAChR) – mit Acetamiprid und Imidacloprid in Wechselwirkung tritt. Die Verfasser kamen zu dem Schluss, dass sich eine Exposition gegenüber diesen beiden Verbindungen negativ auf das sich entwickelnde Nervensystem von Säugetieren auswirken könnte, wie dies für Nicotin bereits bekannt ist.

4. Wie hat die EFSA ihre Bewertung durchgeführt?

Das PPR-Gremium sichtete alle einschlägigen Daten zu Acetamiprid und Imidacloprid, die mittels frei zugänglicher wissenschaftlicher Literatur zur Verfügung standen, darunter auch die Studie von Kimura-Kuroda. Ausgehend von den Ergebnissen dieser Auswertung überprüfte die EFSA erneut die Daten in Anträgen, die den Mitgliedstaaten im Rahmen der EU-Zulassung beider Pestizide in der Vergangenheit vorgelegt wurden.

5. Was sind die Hauptergebnisse der EFSA im Hinblick auf mögliche DNT-Wirkungen von Acetamiprid und Imidacloprid?

Das PPR-Gremium kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl Acetamiprid als auch Imidacloprid gewisse Anzeichen für ein DNT-Potenzial aufweisen. Acetamiprid und Imidacloprid beeinträchtigen möglicherweise die Entwicklung von Neuronen, also den Zellbausteinen des Nervensystems, die die Befehle vom Gehirn an andere Körperteile weiterleiten. Demzufolge schloss das PPR-Gremium, dass eine Exposition gegenüber diesen beiden Neonicotinoiden sich potenziell nachteilig auf einige Gehirnfunktionen, darunter das Lern- und Erinnerungsvermögen, auswirken könnte.

6. Wie schlüssig sind die Daten, auf die sich diese Ergebnisse stützen?

Die EFSA ist sich der eingeschränkten Aussagekraft der im Rahmen ihrer Überprüfung zusammengetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse bewusst und empfiehlt die Durchführung weiterer Forschungsarbeiten zur Gewinnung zuverlässigerer Daten. Gleichwohl ist das PPR-Gremium der Meinung, dass die bei der Auswertung der vorliegenden Daten aufgeworfenen Gesundheitsbedenken hinsichtlich des Potenzials von Acetamiprid und Imidacloprid in Bezug auf eine Beeinträchtigung des sich entwickelnden Nervensystems weitere Untersuchungen rechtfertigen.

7. Was ist unter einem toxikologischen Referenzwert zu verstehen?

Ein toxikologischer Referenzwert dient als eindeutiger Richtwert für das Ausmaß, in dem Anwender und alle sonstigen Bevölkerungsgruppen – einschließlich Schwangeren, Säuglingen und Kindern – einem Stoff kurz- oder langfristig ohne nennenswertes gesundheitliches Risiko ausgesetzt sein können. Zunächst wird auf der Grundlage toxikologischer Daten, die das Nichtvorhandensein einer schädlichen Wirkung zeigen, ein erster Bezugswert bestimmt. Dieser wird dann um einen Unsicherheitsfaktor, üblicherweise den Faktor 100, skaliert, um Unterschieden zwischen Versuchstieren und Menschen (Faktor 10) sowie möglichen Unterschieden hinsichtlich der Empfindlichkeit zwischen Menschen (nochmals Faktor 10) Rechnung zu tragen. Dieser Wert dient als Referenz für den Vergleich mit Expositionen, zu denen es unter realistischen Bedingungen kurz- oder langfristig kommen kann.

Bei der Risikobewertung des entwicklungsneurotoxischen Potenzials von Acetamiprid und Imidacloprid ermittelte das PPR-Gremium drei solche Werte, die für eine Überprüfung in Betracht kommen:

  • die akute Referenzdosis (ARfD): die geschätzte Menge einer Substanz, die kurzfristig – üblicherweise im Verlauf eines Tages – ohne nennenswertes Gesundheitsrisiko aufgenommen werden kann
  • die zulässige Tagesdosis (ADI): die Menge einer spezifischen Substanz in Lebensmitteln oder im Trinkwasser, die ein Leben lang ohne nennenswertes Gesundheitsrisiko täglich aufgenommen werden kann
  • Die annehmbare Anwenderexposition (AOEL): die maximale Menge eines Wirkstoffs, der Arbeiter bzw. „Anwender“ – durch Einatmen oder Aufnahme über die Haut – ausgesetzt sein können, ohne dass es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommt

Ausgedrückt werden diese Werte in Bezug auf das Körpergewicht – in der Regel in Milligramm (der Substanz) pro Kilogramm Körpergewicht – und pro Tag, im Fall wiederholter Exposition.

8. Bieten die vorhandenen toxikologischen Referenzwerte angemessenen Schutz vor einer etwaigen potenziellen Entwicklungsneurotoxizität von Acetamiprid und Imidacloprid?

Die EFSA kommt zu dem Schluss, dass die toxikologischen Referenzwerte für Acetamiprid und Imidacloprid möglicherweise keinen ausreichenden Schutz vor Entwicklungsneurotoxizität bieten und gesenkt werden sollten. Im Ergebnis ihrer Überprüfung schlägt die EFSA folgenden Änderungen vor:

  • Für Acetamiprid sollten der derzeitige ADI-Wert und AOEL-Wert von 0,07 mg/kg Körpergewicht pro Tag und der ARfD-Wert von 0,1 mg/kg Körpergewicht auf 0,025 mg/kg Körpergewicht (pro Tag) gesenkt werden.
  • Für Imidacloprid sollten der derzeitige AOEL-Wert und ARfD-Wert von 0,08 mg/kg Körpergewicht pro Tag auf 0,06 mg/kg Körpergewicht pro Tag gesenkt werden. Der derzeitige ADI-Wert für Imidacloprid wird als angemessen erachtet, um Schutz im Hinblick auf mögliche entwicklungsneurotoxische Auswirkungen zu gewährleisten.

9. Spricht die EFSA sonstige Empfehlungen aus?

Ja, die Behörde empfiehlt zudem die Festlegung von Kriterien für eine verpflichtende Einreichung von DNT-Studien im Rahmen des EU-Zulassungsverfahrens. Dies könnte die Entwicklung einer integrierten DNT-Prüfstrategie umfassen, die einem stufenweisen Ansatz folgt. Hierbei würden zunächst Labortests mit Zellen (sogenannte In-vitro-Tests) eingesetzt und, falls die ersten Ergebnisse bezüglich des DNT-Potentials einer Substanz besorgniserregend sind, in einem weiteren Schritt Tierversuche (In-vivo-Tests) mit einbezogen. Das PPR-Gremium empfiehlt, dass im Rahmen einer solchen Prüfstrategie alle Neonikotinoid-Substanzen einer Bewertung unterzogen werden.
Hinweise für die Redaktion

Wissenschaftler haben eine Reihe toxikologischer Referenzwerte entwickelt, die als Richtwerte bei der Festlegung annehmbarer Expositionsniveaus gegenüber bestimmten Substanzen in Lebensmitteln dienen. Ausgedrückt werden diese Richtwerte in Bezug auf das Körpergewicht – in der Regel in Milligramm (der Substanz) pro Kilogramm Körpergewicht – und pro Tag, im Fall wiederholter Exposition.

  • Die akute Referenzdosis (ARfD) ist die geschätzte Menge einer Substanz, die kurzfristig – üblicherweise im Verlauf eines Tages – ohne nennenswertes Gesundheitsrisiko aufgenommen werden kann.
  • Die zulässige Tagesdosis (ADI) ist die Menge einer spezifischen Substanz in Lebensmitteln oder im Trinkwasser, die ein Leben lang ohne nennenswertes Gesundheitsrisiko täglich aufgenommen werden kann.
  • Die annehmbare Anwenderexposition (AOEL) ist die maximale Menge eines Wirkstoffs, der „Anwender“ über alle Expositionspfade ausgesetzt sein können, ohne dass es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommt.
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[1] Kimura-Kuroda J, Komuta Y, Kuroda Y, Hayashi Kawano H. Nicotine-like effects of the neonicotinoid insecticides acetamiprid and imidacloprid on cerebellar neurons from neonatal rats. PloS ONE 2012; 7 (2): e32432. doi: 10.1371/journal.pone.0032432