EFSA unterstützt Europäische Kommission bei der Festlegung wissenschaftlicher Kriterien für endokrine Disruptoren

Pressemitteilung
20 März 2013

Endokrin wirksame Substanzen sind chemische Stoffe, die auf die normale Hormonaktivität Einfluss nehmen oder sie stören können; führt dies zu Beeinträchtigungen, werden sie als endokrine Disruptoren bezeichnet. Auf ein Ersuchen der Europäischen Kommission im Jahr 2012 hin hat der Wissenschaftliche Ausschuss der EFSA ein Gutachten erstellt, das die wissenschaftlichen Kriterien klärt, anhand derer endokrine Disruptoren identifiziert werden können. Die EFSA befürwortet die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezüglich endokriner Disruptoren und betont, dass es sich nicht bei allen endokrin wirksamen Stoffen um endokrine Disruptoren handelt. Dies hängt vielmehr davon ab, ob begründete Hinweise dafür vorliegen, dass der betreffende Stoff aufgrund seiner Beeinflussung bzw. Störung des Hormonsystems eine schädliche Wirkung herbeiführen kann.

Die Sachverständigen der EFSA kamen zu dem Schluss, dass mit den derzeit bzw. in Kürze verfügbaren international vereinbarten Prüfverfahren der Einfluss von chemischen Stoffen auf vier wichtige endokrine Pfade bei Säugetieren und Fischen, die bekanntlich auf endokrine Störungen empfindlich reagieren, identifiziert werden kann. Das Gutachten der EFSA enthält entsprechende Empfehlungen für zukünftige Maßnahmen, u. a. im Hinblick auf Prüfmethoden und -strategien. Die EFSA gelangte ferner zu dem Schluss, dass ein Risikobewertungsansatz, der sowohl potenzielle Beeinträchtigungen durch endokrin aktive Substanzen als auch die jeweilige Expositionswahrscheinlichkeit berücksichtigt, die bestmögliche Nutzung der vorliegenden Informationen zur Regulierung des Einsatzes der betreffenden Stoffe darstellt. Die wissenschaftliche Beratung der EFSA dient als Informationsgrundlage für Entscheidungen der EU-Risikomanager zum Schutz von Verbrauchern und Umwelt vor möglichen mit endokrinen Disruptoren in der Lebensmittelkette verbundenen Risiken.

Der Direktor der EFSA für Wissenschaftsstrategie und Koordination, Hubert Deluyker, erklärte: „Die EFSA ist sich bewusst, dass nationale, europäische und internationale Organisationen dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechende Untersuchungen[1] hinsichtlich möglicher gesundheitsschädlicher Auswirkungen von endokrin wirksamen Substanzen durchgeführt haben. Mit ihrem Gutachten ergänzt die EFSA diese Arbeiten, indem sie einen Überblick über die derzeit verfügbaren Prüfverfahren gibt, um Risikomanager dabei zu unterstützen, anhand wissenschaftlich begründeter Kriterien festzulegen, was ein endokriner Disruptor ist oder nicht. Unser Gutachten betont darüber hinaus die Notwendigkeit der Entwicklung weiterer Prüfstrategien, um diese Substanzen auf systematische und transparente Art und Weise zu prüfen.“

Hinsichtlich der Zusammenstellung und Bewertung der derzeitigen Prüfverfahren durch die EFSA äußerte sich der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Ausschusses der Behörde, Prof. Tony Hardy, wie folgt: „Dies war ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit, der zu den in der EU und international geführten Diskussionen in diesem Bereich beiträgt. Wir kamen zu dem Schluss, dass die derzeitigen Tests für Säugetiere und Fische, und in geringerem Ausmaß auch für Vögel und Amphibien, im Allgemeinen angemessen sind und vier wichtige endokrine Pfade abdecken. Allerdings genügt kein einzelner Test, um zu entscheiden, ob es sich bei einem bestimmten Stoff um einen endokrinen Disruptor handelt oder nicht; vielmehr müssen verschiedene Tests durchgeführt werden, deren Ergebnisse dann zusammengenommen im Rahmen eines evidenzbasierten Ansatzes von Sachverständigen zu bewerten sind.“

Das Gutachten der EFSA geht auch kurz auf einige Fragen bezüglich der Chemikalienprüfung ein, die nicht ausschließlich endokrine Disruptoren betreffen: Hierzu zählen „Empfänglichkeitsfenster“ (kritische Entwicklungsphasen wie Empfängnis, Schwangerschaft, Säuglingsalter, Kindheit und Pubertät, in denen der Körper unter Umständen empfindlicher auf chemische Stoffe reagiert, was die Wahrscheinlichkeit von kurzfristig oder im späteren Lebensverlauf auftretenden schädlichen Wirkungen erhöhen könnte) sowie andere Fragen der chemischen Toxikologie, die derzeit Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte sind, wie etwa die Auswirkungen niedriger Dosen, nicht monotone (U-förmige[2]) Dosis-Wirkungs-Kurven und die (gleichzeitige) Exposition gegenüber mehreren chemischen Stoffen. Als Folgemaßnahme auf das vorliegende Gutachten empfiehlt die Behörde weitere Arbeiten, um in einem umfassenderen Zusammenhang zu klären, inwiefern die genannten Aspekte aktuelle Risikobewertungsansätze und Prüfstrategien für chemische Stoffe beeinflussen könnten.

Die Arbeiten der EFSA in diesem Bereich konzentrieren sich zwar hauptsächlich auf endokrin wirksame Substanzen im Zusammenhang mit der Lebensmittelkette (z. B. Pestizide), leisten aber auch einen Beitrag zu einer breiter angelegten Initiative, die von der Europäischen Kommission koordiniert wird; darüber hinaus sollen sie als Informationsgrundlage die EU-Entscheidungsträger bei der Aktualisierung der derzeitigen Gesetzgebung in verschiedenen Bereichen (chemische Stoffe, Pestizide, Biozide) unterstützen. Die Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher ersuchte um wissenschaftliche Beratung zu endokrinen Disruptoren, um bis Ende 2013 Kriterien für Pflanzenschutzmittel zu erstellen. Um Konsistenz zu gewährleisten, erfolgte die Ausarbeitung des EFSA-Gutachtens mit Unterstützung weiterer an diesem Prozess beteiligten wissenschaftlichen EU-Beratungsgremien: der Europäischen Arzneimittel-Agentur, der Europäischen Chemikalienagentur, der Europäischen Umweltagentur sowie der Gemeinsamen Forschungsstelle.

Die EFSA informiert heute im Rahmen eines von ihr in Brüssel organisierten wissenschaftlichen Treffens ein breites Spektrum von Interessengruppen über die Arbeit der Behörde sowie die Arbeit ihrer europäischen und internationalen Partner auf dem Gebiet der endokrin wirksamen Stoffe und endokrinen Disruptoren.


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[1] Einige dieser Untersuchungen sind in den Anhängen des EFSA-Gutachtens näher aufgeführt, darunter: Global Assessment of the State-of-the-Science of Endocrine Disruptors (WHO/IPCS, 2002), State of the Art of the Assessment of Endocrine Disruptors (Europäische Kommission/Kortenkamp et al., 2011), Endocrine disrupters and child health: Possible developmental early effects of endocrine disrupters on child health (WHO, 2012), State of the Science of Endocrine Disrupting Chemicals (UNEP/WHO, 2013).
[2] Nicht-monotone Dosis-Wirkungs-Kurven entstehen dann, wenn die Wirkung einer Substanz an einigen Punkten entsprechend der Dosis zunimmt und an anderen mit Erhöhung der Dosis abnimmt.