Lebensmittelfarbstoffe

Bei Lebensmittelfarben handelt es sich um Zusatzstoffe, die Lebensmitteln hauptsächlich aus den folgenden Gründen zugefügt werden:

  • zum Ausgleich von Farbverlusten nachdem sie Licht, Luft, Feuchtigkeit oder Temperaturschwankungen ausgesetzt waren
  • zur Intensivierung natürlich vorkommender Farben
  • zur Einfärbung von ansonsten farblosen oder andersfarbigen Lebensmitteln

Lebensmittelfarbstoffe sind in zahlreichen Lebensmitteln enthalten, so etwa in Snacks, Margarine, Käse, Marmeladen und Gelees, Nachspeisen und Getränken. Jeder Lebensmittelfarbstoff, der zur Verwendung in der Europäischen Union zugelassen ist, unterliegt einer strengen wissenschaftlichen Sicherheitsbewertung.

Das Gremium der EFSA für Lebensmittelzusatzstoffe und Nährstoffquellen, die Lebensmitteln zugesetzt werden (ANS) bewertet die Sicherheit von Lebensmittelfarbstoffen. Die Sicherheitsbewertungen des Gremiums zu Lebensmittelfarben und anderen Zusatzstoffen umfassen die Auswertung von allen verfügbaren, einschlägigen wissenschaftlichen Studien sowie Daten zur Toxizität und menschlichen Exposition. Hieraus zieht das Gremium Schlussfolgerungen bezüglich der Sicherheit der zu bewertenden Stoffe.

Von 2009 bis 2016 bewertete das ANS-Gremium im Rahmen der Neubewertung sämtlicher Lebensmittelzusatzstoffe, die bereits vor Januar 2009 verwendet wurden, auch erneut die Sicherheit aller zugelassenen Lebensmittelfarbstoffe.

Die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Lebensmittelfarbstoffe zu allergischen Nebenwirkungen führen, wird vom EFSA-Gremium für Diätetische Produkte, Ernährung und Allergien (NDA) geprüft.

Farbstoffe in Lebens- und Futtermitteln

Als Lebensmittelzusätze verwendete Farbstoffe können auch für die Verwendung als Futterzusätze zugelassen werden. Die Bewertung der Sicherheit von Lebensmittelzusatzstoffen und Futterzusätzen liegt in der Verantwortung verschiedener wissenschaftlicher Gremien der EFSA, wobei sich die Datenerfordernisse aufgrund divergierender rechtlicher Regelungen in beiden Bereichen unterscheiden. Die zuständigen Gremien der EFSA koordinieren jedoch ihre wissenschaftliche Arbeit, um ein konsistentes Vorgehen bei der Risikobewertung und der Berücksichtigung vorliegender wissenschaftlicher Daten in diesen Bereichen zu gewährleisten.

2016 Neubewertung aller bereits zugelassenen Lebensmittelfarbstoffe abgeschlossen. Insgesamt hat das ANS-Gremium 41 Lebensmittelfarbstoffe erneut bewertet, wobei neue Studien, soweit vorhanden, berücksichtigt wurden.

2013 Wissenschaftler der EFSA verstärken die Koordination bei der Bewertung von Lebens- und Futtermittelzusatzstoffen und verweisen auf gemeinsame Arbeiten zu Farbstoffen.

2012 Neubewertung der meisten Lebensmittelfarbstoffe abgeschlossen.

2009 EFSA akzeptiert Mandat zur Neubewertung von Lebensmittelfarben, die vor dem 20. Januar 2009 zugelassen wurden.

2008 EFSA prüft Southampton-Studie zu Lebensmittelfarbstoffen und dem Verhalten von Kindern. 

Die EFSA hat drei Hauptaufgaben in Bezug auf Lebensmittelfarbstoffe:

  • die Bewertung der Sicherheit neuer Lebensmittelfarbstoffe oder vorgeschlagener neuer Verwendungen existierender Lebensmittelfarbstoffe, bevor diese zur Verwendung in der EU zugelassen werden können
  • die Neubewertung aller Lebensmittelfarbstoffe, die bereits vor dem 20. Januar 2009 zur Verwendung in der EU zugelassen wurden (abgeschlossen 2016)
  • die Beantwortung von Ad-hoc-Ersuchen der Europäischen Kommission um Überprüfung bestimmter Lebensmittelfarbstoffe im Lichte neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und/oder sich ändernder Verwendungsbedingungen

Festlegung des „sicheren Niveaus“

Im Rahmen ihrer Sicherheitsbewertungen von Lebensmittelfarbstoffen und anderen Zusatzstoffen bestimmt die EFSA, wenn möglich (d.h. wenn ausreichende Daten vorliegen), für jeden Stoff eine zulässige tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake – ADI).

Beim ADI-Wert handelt es sich um die Menge eines Stoffs, die ein Mensch lebenslang täglich zu sich nehmen kann, ohne dass ein nennenswertes Risiko für seine Gesundheit besteht. ADI-Werte werden gewöhnlich in Milligramm (der Substanz) pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag (mg/kg KG/Tag) angegeben. Der ADI-Wert kann sich auf einen bestimmten Zusatzstoff oder eine Gruppe von Zusatzstoffen mit ähnlichen Eigenschaften beziehen. Bei der Neubewertung von in der Vergangenheit zugelassenen Zusatzstoffen kann die EFSA, nach Auswertung aller verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, einen bestehenden ADI-Wert entweder bestätigen oder abändern.

Liegen keine ausreichenden Daten zur Festlegung eines ADI-Werts vor, kann eine Sicherheitsmarge berechnet werden, um zu bestimmen, ob die geschätzte Exposition potenziell bedenklich sein könnte.

In anderen Fällen, etwa für Stoffe, die bereits im Körper vorhanden oder übliche Bestandteile der Ernährung sind bzw. in Tierstudien keine schädlichen Wirkungen zeigen, ist es nicht nötig, einen ADI-Wert festzulegen.

Gemäß EU-Rechtsvorschriften bedürfen alle Zusatzstoffe, einschließlich Farbstoffen, einer Zulassung, bevor sie in Lebensmitteln verwendet werden dürfen.

Das Zulassungssverfahren beginnt mit der Einreichung eines offiziellen Antrags bei der Europäischen Kommission, der ein Antragsdossier umfasst, das wissenschaftliche Daten über die vorgeschlagenen Verwendungzwecke und -mengen des betreffenden Stoffs enhält. Die Kommission sendet dann das Dossier an die EFSA mit dem Ersuchen, die Sicherheit des Stoffs für die vorgesehenen Verwendungszwecke zu bewerten. Ausgehend von der Sicherheitsbewertung der EFSA entscheidet die Europäische Kommission über die Zulassung des betreffenden Stoffs. Die Zulassung vorgeschlagener neuer Verwendungen existierender Lebensmittelzusatzstoffe erfolgt nach dem gleichen Verfahren.

Sobald die Stoffe zugelassen sind, werden sie in der EU-Liste zulässiger Lebensmittelzusatzstoffe gemäß Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 aufgenommen, wo auch die jeweiligen Verwendungsbedingungen näher aufgeführt sind. Zugelassene Lebensmittelzusatzstoffe müssen außerdem die genehmigten Reinheitskriterien der Verordnung (EU) Nr. 231/2012 erfüllen.

Im Dezember 2008 wurden die bestehenden Rechtsvorschriften in vier vereinfachten Verordnungen zusammengeführt (konsolidiert), die alle sogenannten Stoffe zur Verbesserung von Lebensmitteln (also Lebensmittelzusatzstoffe, Lebensmittelenzyme und Aromastoffe) abdecken. Die Verordnung (EG) Nr. 1331/2008 führte ein einheitliches Zulassungsverfahren für diese Stoffe ein. Die Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 über Lebensmittelzusatzstoffe legte eine Liste der in der EU zulässigen Lebensmittelzusatzstoffe fest, die in vollem Umfang in der Verordnung (EU) Nr. 1129/2011 veröffentlicht wurde.

Mitunter kann die Europäische Kommission die EFSA auch um Empfehlungen zu Lebensmittelallergien ersuchen, etwa bei der Entscheidung über die mögliche Aufnahme von Lebensmittelfarben in die Liste der Lebensmittelallergene in Anhang IIIa der Richtlinie 2000/13/EG über die Etikettierung und Aufmachung von Lebensmitteln sowie die Werbung hierfür.

1. Warum hat die EFSA in den letzten Jahren Farbstoffe bewertet?

Seit 2009 überprüft die EFSA die Sicherheit aller Lebensmittelzusatzstoffe, die bis zu diesem Zeitpunkt für die Verwendung in der EU zugelassen wurden. Die Erstzulassung vieler Zusatzstoffe liegt oft schon Jahrzehnte zurück, und in einigen Fällen stehen inzwischen neue wissenschaftliche Daten zur Verfügung. Lebensmittelfarbstoffe werden bei der Neubewertung vorrangig behandelt, da sie zu den ersten für die Verwendung in der EU zugelassenen Lebensmittelzusatzstoffen zählen.

Die Sachverständigen des für Lebensmittelzusatzstoffe zuständigen EFSA-Gremiums (ANS-Gremium) haben mit der Neubewertung sämtlicher zulässiger Lebensmittelfarbstoffe (insgesamt 45) begonnen, wobei zunächst synthetisch hergestellte und später aus natürlichen Quellen gewonnene Farbstoffe untersucht werden. Die Neubewertung bereits zugelassener Lebensmittelfarbstoffe wird voraussichtlich bis 2015 abgeschlossen sein.

2. Können dieselben Farbstoffe, die in Lebensmitteln verwendet werden, auch in Futtermitteln zum Einsatz kommen?

Als Lebensmittelzusatzstoffe verwendete Farbstoffe können auch für die Verwendung als Futterzusätze zugelassen sein. Die Bewertung der Sicherheit von Lebensmittelzusatzstoffen und Futterzusätzen obliegt verschiedenen wissenschaftlichen Gremien der EFSA, wobei sich die Datenerfordernisse aufgrund divergierender ordnungsrechtlicher Regelungen in beiden Bereichen unterscheiden. Beispielsweise können die Anforderungen an die Reinheit auf den Gebieten der Lebens- und Futtermittel erheblich voneinander abweichen. Die betreffenden Gremien der EFSA koordinieren jedoch ihre wissenschaftliche Arbeit, um ein konsistentes Vorgehen bei der Risikobewertung und der Berücksichtigung vorliegender wissenschaftlicher Daten in diesen Bereichen zu gewährleisten.

3. Warum veröffentlichte die EFSA im Juni 2013 eine Stellungnahme zu einer Gruppe von Farbstoffen?

Die Sachverständigen der EFSA veröffentlichten die Stellungnahme, nachdem sie neue Daten zu dem Farbstoff Allurarot AC (E 129) und fünf anderen chemisch verwandten Farbstoffen, den sogenannten „sulfonierten Mono-Azofarbstoffen“, überprüft hatten. Das ANS-Gremium hatte nach früheren Überprüfungen zulässige tägliche Aufnahmemengen (Acceptable Daily Intake – ADI) für diese Farbstoffe festgelegt. (Der ADI-Wert gibt die Menge eines Stoffs an, die ohne ein nennenswertes Gesundheitsrisiko lebenslang täglich aufgenommen werden kann.) In seiner Stellungnahme aus dem Jahr 2013 bestätigte das Gremium erneut, dass derzeit kein Grund besteht, den ADI-Wert für Allurarot AC (E 129) zu überdenken.

Die EFSA empfahl jedoch die Durchführung neuer Tests, um Unsicherheiten im Hinblick auf die mögliche Genotoxizität von Allurarot AC zu klären. Als Genotoxizität bezeichnet man die Fähigkeit eines Stoffes, die DNS, das Erbgut der Zellen, zu schädigen. Diese Empfehlung bezieht sich auch auf die anderen „sulfonierten Mono-Azofarbstoffe“ in dieser Gruppe: Amaranth (E 123), Cochenillerot A (E 124), Gelborange S (E 110), Tartrazin (E 102) und Azorubin/Carmoisin (E 122).

Mit Ausnahme von Amaranth (E 123), das nicht in Tierfutter verwendet wird, wurde bzw. wird zurzeit der Einsatz dieser Farbstoffe als Futtermittelzusätze bewertet.

4. Auf welche Unsicherheiten geht die Stellungnahme der EFSA zu Azofarbstoffen von 2013 ein?

Genotoxine sind Stoffe, die die DNS, das Erbgut der Zellen, schädigen und zu Mutationen oder Krebs führen können. Genotoxizität ist einer von mehreren Faktoren, die Wissenschaftler bei der Untersuchung der Sicherheit von Zusatzstoffen und anderen Lebensmitteln beigefügten Stoffen bewerten.

Nach einer Überprüfung der Daten befanden die Sachverständigen der EFSA, dass die genannten Azofarbstoffe ein gemeinsames Wirkungsmuster aufweisen, das weiterer Untersuchung bedarf. Im Moment deutet jedoch die Beweiskraft der Daten insgesamt darauf hin, dass sie nicht genotoxisch sind.

5. Was bedeutet „Beweiskraft der Daten“?

Als „Beweiskraft der Daten“-Ansatz bezeichnet man ein Vorgehen im Rahmen der Risikobewertung, bei dem im Falle von Unsicherheiten Informationen betrachtet werden, die entweder für oder gegen ein bestimmtes Ergebnis sprechen, und die Entscheidung dann auf Grundlage der überzeugendsten Daten getroffen wird.

Menschen fällen in ihrem alltäglichen Leben ständig Entscheidungen aufgrund der Beweiskraft der Daten. Bei der Risikobewertung ist die Art der zu betrachtenden Daten äußerst fachspezifisch und für Nichtwissenschaftler oft schwer zu verstehen. Es gibt jedoch bewährte Schritte bei der Analyse und Bewertung wissenschaftlicher Informationen, die Wissenschaftlern dabei helfen, alle Daten gegeneinander abzuwägen und Entscheidungen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Fachkenntnis und Expertise zu treffen.

6. Sind Menschen, die mehr als die zulässige tägliche Aufnahmemenge zu sich nehmen, einem Risiko ausgesetzt?

Im Rahmen der Sicherheitsbewertung von Lebensmittelzusatzstoffen, z.B. Farbstoffen, legen Risikobewerter wie die EFSA, wenn möglich (d.h. wenn genügend Informationen vorliegen), für jeden einzelnen Stoff eine zulässige tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake – ADI) fest. Der ADI-Wert gibt die Menge eines Stoffs an, die ein Mensch lebenslang täglich zu sich nehmen kann, ohne dass ein nennenswertes Risiko für seine Gesundheit besteht.

Der ADI-Wert wird in der Regel von der höchsten Aufnahmemenge abgeleitet, bei der ein Stoff im Tierversuch keine schädlichen Wirkungen hervorruft, wobei ein Sicherheitsfaktor (üblicherweise 100) einbezogen wird, um u.a. den Unterschieden zwischen Mensch und Tier Rechnung zu tragen. Somit hat eine Überschreitung des ADI-Werts für einen bestimmten Stoff nicht unbedingt gesundheitsschädliche Folgen.

7. Ist beim Einsatz von Farbstoffen in Futterzusätzen die Verbrauchersicherheit ebenso ein Thema wie die Tiersicherheit?

Im Fall von Lebensmittelzusatzstoffen werden in Zusätzen enthaltene Stoffe direkt über Lebensmittel aufgenommen. Bei Futterzusätzen für der Lebensmittelerzeugung dienende Tiere (Nutztiere) können Verbraucher einer indirekten Exposition unterliegen. Stoffrückstände können in Erzeugnissen tierischen Ursprungs vorhanden sein, z.B. in Fleisch, Eiern oder Milchprodukten. Die Gesetzgeber haben Grenzwerte für Futterzusatzstoffe festgelegt, sogenannte Rückstandshöchstgehalte (Maximum Residue Level – MRL), um zu gewährleisten, dass die Verbraucherexposition gegenüber Rückständen solcher Stoffe die zulässige tägliche Aufnahmemenge für Verbraucher nicht überschreitet.

Die Sicherheitsbewertung von Futterzusätzen berücksichtigt außerdem etwaige schädliche Auswirkungen dieser Stoffe auf das Zieltier (d.h. das Tier, das den Futterzusatz direkt aufnimmt). Zieltiere können neben zur Lebensmittelerzeugung genutzten Tieren auch Haustiere und andere domestizierte Tiere (z.B. Pferde) sein. An den Zieltieren werden spezifische Toleranzstudien durchgeführt, um einen als „Sicherheitsspanne“ (Margin of Safety – MoS) bezeichneten Sicherheitsindikator festzulegen, für den Fall, dass der Zusatz in größeren Mengen als empfohlen aufgenommen wird. Je größer die Sicherheitsspanne, desto kleiner ist das Risiko für das Tier.

8. In welchen Lebens- und Futtermittelerzeugnissen werden Azofarbstoffe und andere Farbstoffe eingesetzt?

Wie andere Lebensmittelzusatzstoffe können auch die in der Stellungnahme der EFSA vom Juni 2013 genannten Azofarbstoffe in einer Reihe von Lebensmitteln eingesetzt werden, einschließlich alkoholfreien Getränken, Backwaren, Desserts, Soßen, Würzmitteln und Süßwaren. Die Rechtsvorschriften der Europäischen Union legen fest, in welchen Lebensmitteln sie verwendet werden können und welche Höchstmenge je nach Art des Lebensmittels zugesetzt werden darf.

Auch in Futtermitteln werden die Farbstoffe unterschiedlich eingesetzt. Zum Beispiel werden Carmoisin (E 122), Allurarot AC (E 129) und ein weiterer Farbstoff mit der Bezeichnung Brilliantblau (E 133) nur in Katzen- und Hundefutter verwendet bzw. nur dort wird ihr Einsatz vorgeschlagen. Dagegen sind die Farbstoffe Patentblau V (E 131) und Erythrosin (E 127) als Futterzusätze für eine Vielzahl von Tieren zugelassen, die nicht der Lebensmittelerzeugung dienen, darunter Katzen, Hunde, Zierfische und Reptilien.
 

9. Welche Bevölkerungsgruppen sind den höchsten Mengen dieser Lebensmittelfarbstoffe ausgesetzt? Und in welchen Ländern?

In seinen ursprünglichen Bewertungen von zehn Lebensmittelfarbstoffen, darunter die Gruppe der Azofarbstoffe, gründete das ANS-Gremium seine Schlussfolgerungen auf Daten aus neun EU-Mitgliedstaaten zur Exposition von Kindern gegenüber diesen Farbstoffen sowie auf Daten zur Exposition von Erwachsenen im Vereinigten Königreich, das als eines der Länder mit dem höchsten Konsum an alkoholfreien Getränken in Europa gilt. Die Daten deuteten darauf hin, dass sowohl die durchschnittlichen als auch die höchsten konsumierten Mengen in der Regel für Kinder wesentlich höher sind als für Erwachsene.

Mittlerweile liegen für die Mehrzahl dieser Farbstoffe neue Daten zu den tatsächlich in Lebensmitteln nachgewiesenen Mengen vor. Ausgehend von diesen Daten überarbeitet die EFSA zurzeit ihre Bewertungen der menschlichen Exposition gegenüber besagten zehn Farbstoffen. Diese Neubewertungen werden voraussichtlich bis November 2014 abgeschlossen. Alle am Fortgang der Bewertungen Interessierten können sich anhand des Online-Registers der Fragen der EFSA über den Fortschritt der Arbeiten informieren.

10. Warum ist die Exposition bei Menschen und Tieren unterschiedlich? Wie wirkt sich dies auf Risiken für die menschliche und tierische Gesundheit aus?

Bei der Berechnung der Exposition gegenüber möglichen Risiken durch Lebens- oder Futtermittel werden mehrere Faktoren berücksichtigt, darunter: Ernährung, Alter, geographische Lage und Verzehrsmuster (z.B. regelmäßiger oder gelegentlicher Verzehr). Diese Faktoren unterscheiden sich bei Menschen und Tieren erheblich.

Beispielsweise setzt sich die menschliche Ernährung aus einer wesentlich größeren Vielfalt an Lebensmitteln zusammen. Tiere fressen in der Regel jeden Tag dasselbe Futter, wohingegen Menschen ihre Ernährung gewöhnlich im Tages- und Wochenverlauf variieren. Die Lebensmittel, die Menschen an einem einzigen Tag zum Frühstück, Mittag- und Abendessen zu sich nehmen, können bereits eine größere Vielfalt an Inhalts- und Nährstoffen enthalten als das Futter eines Tieres in seinem ganzen Leben. Zudem ist die durchschnittliche Lebenszeit der meisten Nutz- und Haustiere kürzer als die des Menschen. Darum können Wissenschaftler vorhersagen, dass das Risiko für die Tiergesundheit durch einen bestimmten Stoff größer als das Risiko für die menschliche Gesundheit sein dürfte, da Tiere einer potenziellen Gefahr öfter und, im Vergleich zum Menschen, während eines längeren Lebensabschnitts ausgesetzt sind.

11. Werden Zusatzstoffe unterschiedlich bewertet, auch wenn sie sowohl in Lebens- als auch Futtermitteln Verwendung finden?

In der EU gelten für Lebens- und Futtermittel unterschiedliche Rechtsvorschriften, sodass die EFSA auf diesen beiden Gebieten jeweils in einem anderen gesetzlichen Rahmen mit divergierenden Datenanforderungen arbeitet. Die zugrunde liegenden Rechtsvorschriften entstanden zu verschiedenen Zeitpunkten und aus unterschiedlichsten historischen, politischen und sozioökonomischen Gründen. Infolgedessen können sich die Datenanforderungen für die Zulassung von Stoffen zur Verwendung in Lebens- bzw. Futtermitteln voneinander unterscheiden.

Trotz dieser Unterschiede sind die betreffenden EFSA-Gremien bestrebt, bei der Bewertung der Sicherheit von Stoffen, wie Farbstoffen und anderen Zusätzen, die sowohl in Lebens- als auch in Futtermitteln eingesetzt werden, ein konsistentes Vorgehen hinsichtlich ihrer Risikobewertungsansätze, einschließlich der Berücksichtigung der vorliegenden wissenschaftlichen Informationen auf beiden Gebieten, zu gewährleisten.

12. Gaben diese Farbstoffe in der Vergangenheit Anlass zu Besorgnis?

2007 gab die Food Standards Agency des Vereinigten Königreichs eine von Forschern der Universität Southampton durchgeführte Studie (McCann et al., 2007) in Auftrag, die darauf hindeutete, dass bestimmte Gemische aus fünf Azofarbstoffen (die in der obigen Frage 3 genannte Gruppe mit Ausnahme von Amaranth), dem Farbstoff Chinolingelb (E 104) und dem Konservierungsstoff Natriumbenzoat (E 211) geringfügige Auswirkungen auf die Aktivität und Aufmerksamkeit bei bestimmten Gruppen von Kindern haben könnten.

Die Sachverständigen der EFSA werteten die sogenannte „Southampton-Studie“ 2008 aus und kamen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse nicht als Grundlage für eine Änderung der ADI-Werte für die einzelnen Zusatzstoffe verwendet werden können. Einer der Gründe hierfür war, dass in der Studie Gemische und nicht einzelne Zusatzstoffe untersucht worden waren – deshalb war es nicht möglich, die Auswirkungen einem der einzelnen Stoffe zuzuschreiben.

Im Zuge der systematischen Überprüfung von Lebensmittelzusatzstoffen, die für die Verwendung in der EU zugelassen sind, wertete die EFSA sämtliche verfügbaren Daten zu jedem einzelnen der genannten Farbstoffe aus und bewertete diese aufgrund der aufgeworfenen Bedenken mit Vorrang. Die entsprechenden wissenschaftlichen Gutachten wurden im November 2009 verabschiedet.

13. Was waren die Hauptschlussfolgerungen der EFSA in Bezug auf die Farbstoffe in der „Southampton-Studie“?

Nach Auswertung sämtlicher vorliegender Daten setzte das ANS-Gremium 2009 die ADI-Werte für drei der fraglichen Farbstoffe, nämlich Chinolingelb (E 104), Gelborange S (E 110) und Cochenillerot A (E 124), herab. Das Gremium ging davon aus, dass aufgrund dessen die ernährungsbedingte Exposition von Erwachsenen und Kindern gegenüber diesen Farbstoffen die neuen ADI-Werte überschreiten könne. 2014 legte die EFSA für Gelborange S einen ADI von 4 mg/kg Körpergewicht/Tag fest. Die Sachverständigen waren zu dem Schluss gelangt, dass die geschätzte Verbraucherexposition für alle Altersgruppen deutlich unter diesem neuen ADI-Wert liegt.

Für die drei anderen bewerteten Farbstoffe, Tartrazin (E 102), Azorubin/Carmoisin (E 122) und Allurarot AC (E 129), nahm das Gremium keine Änderungen der bestehenden ADI-Werte vor. Außerdem gelangte das Gremium zu dem Schluss, dass es nur bei Kindern, die vergleichsweise große Mengen an Lebensmitteln und Getränken zu sich nehmen, die Azorubin/Carmoisin oder Allurarot AC enthalten, zu Überschreitungen der ADI-Werte für diese Farbstoffe kommen könne.

14. Was ist ein vorläufiger ADI-Wert?

Risikobewerter legen manchmal einen vorläufigen ADI-Wert fest, wenn die Daten nicht ausreichen, um nachzuweisen, dass die Verwendung eines Stoffs lebenslang sicher ist, sie jedoch genügen, um zu zeigen, dass dieser über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum – der benötigt wird, um weitere Daten zur Sicherheit zu generieren und auszuwerten – sicher verwendet werden kann. Für die Festlegung eines vorläufigen ADI-Werts verwendet man einen höheren Sicherheitsfaktor als üblich und setzt eine Frist, bis zu deren Ablauf die Daten zur Klärung der Sicherheitsfragen benötigt werden.

15. Haben Azo-Lebensmittelfarbstoffe Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern?

Die Sachverständigen der EFSA zogen in ihrem Gutachten von 2008 den in späteren Bewertungen bestätigten Schluss, dass die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, einschließlich der „Southampton-Studie“, keinen Nachweis eines Kausalzusammenhangs zwischen den einzelnen Farbstoffen und möglichen Auswirkungen auf das Verhalten zuließen.

16. Warum betrachtete die EFSA nur einzelne Farbstoffe und keine Gemische?

Im EU-Lebensmittelsicherheitssystem erfolgt die Bewertung und Zulassung sämtlicher Zusatzstoffe derzeit auf individueller Basis. Zum Schutz der Verbraucher muss die Sicherheit jedes Zusatzstoffs einzeln nachgewiesen werden, bevor dessen Zulassung für die Verwendung in Lebensmitteln von den EU-Risikomanagern (Europäische Kommission, Europäisches Parlament und EU-Mitgliedstaaten) in Betracht gezogen werden kann.

Unter Verwendung von Standardansätzen zur Risikobewertung lässt sich die Sicherheit von Gemischen chemischer Stoffe nicht immer bewerten. Die Anzahl der möglichen Kombinationen von Zusatzstoffen und anderen Stoffen, die natürlicherweise in der Nahrung vorkommen, ist praktisch unendlich, berücksichtigt man die Unterschiede in Bezug auf die Lebensmittelzusammensetzung, die Wahl der Lebensmittel seitens der Verbraucher sowie die Ernährungsmuster.

Die wissenschaftliche Gemeinschaft, einschließlich der EFSA, ist bemüht, Methoden zur Beurteilung etwaiger Risiken durch eine gleichzeitige Exposition gegenüber mehreren chemischen Stoffen in Lebensmitteln zu entwickeln. Die Behörde hat zum Beispiel erhebliche Fortschritte bei der Bewertung der Risiken durch Kombinationen von Pestiziden und Kontaminanten für den Menschen sowie durch Pestizidgemische für Bienen erzielt. Im Juli 2013 veröffentlichte die EFSA ihren ersten umfassenden Bericht über die kombinierte Exposition gegenüber mehreren chemischen Stoffen und wird auch in Zukunft zu den wissenschaftlichen Fortschritten auf diesem Gebiet beitragen.

17. Was geschieht als nächstes?

Die EFSA wird weiterhin unabhängige wissenschaftliche Beratung zu Farbstoffen leisten, die in Lebens- und Futtermitteln Einsatz finden. Für Allurarot AC (E 129) und die fünf weiteren sulfonierten Mono-Azofarbstoffe empfahlen die wissenschaftlichen Sachverständigen der EFSA neue Studien, in denen die mögliche Genotoxizität dieser Stoffe anhand des neuesten, validierten Versuchsprotokolls untersucht werden soll. Ausgehend von den entsprechenden Ergebnissen werden die Sachverständigen der EFSA dann, sofern erforderlich, die bestehenden ADI-Werte für diese sechs Stoffe neu bewerten.

Für sich daraus ergebenden Handlungsbedarf sind die EU-Risikomanager verantwortlich, denen die Genehmigung der Verwendung von Zusatzstoffen in Lebens- und Futtermitteln obliegt.