Mineralöl-Kohlenwasserstoffe: EFSA veröffentlicht Gutachten zu diesen komplexen Verbindungen

Webnachricht
6 Juni 2012

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat ein wissenschaftliches Gutachten zur lebensmittelbedingten Exposition des Menschen gegenüber einer heterogenen Gruppe von Gemischen veröffentlicht, die als ‚Mineralöl-Kohlenwasserstoffe‘ (MKW) bezeichnet werden. Die potenziellen Auswirkungen von MKW auf die Gesundheit des Menschen variieren stark; sogenannte ‚aromatische‘ MKW können als genotoxische Karzinogene wirken (d.h., sowohl die DNA, das genetische Zellmaterial, schädigen als auch Krebs auslösen), während einige ‚gesättigte‘ MKW sich im menschlichen Gewebe anreichern und zu Nebenwirkungen in der Leber führen können. In dem Gutachten werden einige mögliche Bedenken im Hinblick auf die lebensmittelbedingte Exposition gegenüber MKW angesprochen. Die Sachverständigen der EFSA betonen allerdings, dass hinsichtlich der chemischen Zusammensetzung von MKW-Gemischen, denen Menschen ausgesetzt sind, sowie der Vielzahl unterschiedlicher Expositionsquellen des Menschen einige Ungewissheiten bestehen. Darüber hinaus ist aufgrund neuer Informationen über die mangelnde toxikologische Relevanz früherer Tierstudien für den Menschen eine Überprüfung der vorläufigen zulässigen täglichen Aufnahmemengen (Acceptable Daily Intakes – ADI) für einige in bestimmten Lebensmitteln enthaltene ‚gesättigte‘ MKW erforderlich.

Die MKW umfassen eine heterogene Gruppe von Kohlenwasserstoff-Gemischen, die Tausende von chemischen Verbindungen unterschiedlicher Struktur und Größe enthalten und hauptsächlich aus Rohöl stammen. Sie werden allerdings auch synthetisch aus Kohle, Erdgas und Biomassen hergestellt. Die chemische Zusammensetzung der meisten MKW-Gemische ist unbekannt und variiert in der Regel von Charge zu Charge. Da sich die Spezifikationen auf die Anwendungen der Erzeugnisse beziehen, werden sie oft in Bezug auf deren Viskosität oder ‚Dicke‘, und nicht hinsichtlich ihrer chemischen Zusammensetzung, ausgedrückt. Diese äußerst komplexen Gemische finden einen vielfältigen häuslichen wie industriellen Einsatz. Es gibt mehrere mögliche lebensmittelbedingte MKW-Quellen: hauptsächlich Lebensmittelverpackungsmaterialien, Lebensmittelzusatzstoffe, Verarbeitungshilfsstoffe und umweltbedingte Kontaminanten, wie etwa Schmierstoffe.

Die Sachverständigen des EFSA-Gremiums für Kontaminanten in der Lebensmittelkette (CONTAM) ermittelten zwei Haupttypen von MKW, die für die Lebensmittelsicherheit von Bedeutung sind: gesättigte und aromatisierte Kohlenwasserstoffe. Das CONTAM-Gremium schätzte die Verbraucherexposition gegenüber MKW ab, wobei auch die ‚Hintergrund‘-Belastung von Lebensmitteln, also darin enthaltene niedrige Konzentrationen, berücksichtigt wurde. Den vorliegenden Daten zufolge fanden sich niedrige Konzentrationen gesättigter MKW in allen Lebensmittelgruppen sowie einige hohe Konzentrationen in den Kategorien „Brot und Brötchen“ und „zum menschlichen Verzehr bestimmte Getreidekörner“, die durch deren jeweilige Verwendung als Trenn- bzw. Antihaftmittel oder Sprühmittel (um Getreidekörnern Glanz zu verleihen) bedingt sind. Das Vorkommen sowohl von gesättigten als auch aromatischen MKW (wobei die Daten für Letztere begrenzter sind) in trockenen Lebensmitteln, einschließlich „Pudding“-Dessertmischungen und Nudeln, kann teilweise auf den Einsatz von Verpackungen aus Recyclingpapier bzw. Pappe zurückgeführt werden. Die Exposition gegenüber gesättigten MKW über die Ernährung war bei jüngeren Verbrauchern höher als bei Erwachsenen und Älteren.

Im Hinblick auf das mit der Exposition gegenüber MKW in Lebensmitteln verbundene Risiko gelangte das CONTAM-Gremium zu dem Schluss, dass für einige Verbraucher möglicherweise Bedenken bestehen könnten: insbesondere markentreue Kunden oder Kunden, die häufig dasselbe Lebensmittelerzeugnis aus demselben Geschäft kaufen, könnten regelmäßig Lebensmitteln mit höheren MKW-Konzentrationen ausgesetzt sein.

Obwohl die Festlegung neuer gesundheitsbezogener Richtwerte für MKW-Erzeugnisse, die als Lebensmittelzusatzstoffe verwendet werden, nicht Teil dieses Mandats war, gelangte das CONTAM-Gremium zu dem Schluss, dass das vorliegende Gutachten eine geeignete Grundlage für eine Überprüfung des vorläufigen Gruppen-ADI für MKW mit niedriger bis mittlerer Viskosität bildet, die für die Verwendung in Lebensmitteln bestimmt sind. Diese MKW-Erzeugnisse wurden vom ehemaligen Wissenschaftlichen Lebensmittelausschuss (SCF) und dem Gemeinsamen FAO/WHO-Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe (JECFA) bewertet und werden derzeit vom JECFA überprüft. Jüngste Daten, die im Rahmen dieses Gutachtens berücksichtigt wurden, deuten darauf hin, dass die Akkumulation von gesättigten MKW in den Lymphknoten der Därme von Versuchstieren für die menschliche Gesundheit von geringerer Relevanz ist, als zum Zeitpunkt der Festlegung des vorläufigen Gruppen-ADI angenommen wurde. Dem CONTAM-Gremium zufolge ist die Überprüfung der ADI-Werte für MKW mit hoher Viskosität von niedriger Priorität.

In Bezug auf das Risiko, das mit der Exposition gegenüber aromatischen MKW verbunden ist, die sowohl genotoxisch als auch karzinogen sind, sah sich das CONTAM-Gremium aufgrund unzureichender Daten zu Exposition und Toxikologie nicht in der Lage, dieses quantitativ zu beschreiben. Angesichts der karzinogenen Eigenschaften aromatischer MKW war das Gremium der Ansicht, dass eine Exposition gegenüber diesem MKW-Typ potenziell bedenklich sein könnte.

Das Gutachten der EFSA enthält darüber hinaus eine Reihe von Empfehlungen für eine Verbesserung der Verfahren zur Analyse, Erhebung und Überwachung von Daten sowie Hinweise für mögliche zukünftige Prioritäten im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung zu MKW.

Das Gremium der EFSA für Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, Enzyme, Aromastoffe und Verarbeitungshilfsstoffe leistete Unterstützung für die Abschnitte des Gutachtens, die sich mit dem Vorkommen von MKW in Lebensmittelkontaktmaterialien sowie der Exposition gegenüber Lebensmitteln in Verpackungen aus Recyclingpapier beschäftigen.


Hinweise für die Redaktion:

Die zulässige tägliche Aufnahmemenge (ADI-Wert) ist die Menge einer Substanz, die der Mensch lebenslang täglich ohne ein nennenswertes Gesundheitsrisiko aufnehmen kann.
Der Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss (SCF) war bis zur Gründung der EFSA im Jahr 2002 das frühere wissenschaftliche Gremium der Europäischen Union.
Der Gemeinsame FAO/WHO-Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe (JECFA) stellt für die Codex-Alimentarius-Kommission und deren spezialisierte Ausschüsse unabhängige wissenschaftliche Beratung durch Experten bereit.

Im Jahr 2009 veröffentlichte das Gremium der EFSA für Lebensmittelzusatzstoffe und Lebensmitteln zugesetzte Nährstoffquellen ein wissenschaftliches Gutachten zur Verwendungssicherheit von Weißölen hoher Viskosität (HVMO) als Lebensmittelzusatzstoffe und legte einen ADI-Wert von 12 mg/kg Körpergewicht/Tag fest.

Für Medienanfragen wenden Sie sich bitte an:
Medienstelle der EFSA
Tel. +39 0521 036 149
E-Mail: Press@efsa.europa.eu