Kumulative Risikobewertung von Pestiziden: Häufig gestellte Fragen (FAQ)

  1. Weshalb arbeitet die EFSA an der kumulativen Risikobewertung?

Die Risiken, die sich für Verbraucher durch Pestizidrückstände in Lebensmitteln ergeben, werden derzeit für jede einzelne Substanz getrennt bewertet. Eine Reihe von Pestiziden hat allerdings eine ähnliche Wirkung, und die Auswirkungen dieser Pestizide auf die menschliche Gesundheit könnten in Kombination größer als einzeln sein.

Den EU-Verordnungen über Pestizide in Lebensmitteln und Futtermitteln zufolge sollten Kumulations- und Synergieeffekte von Pestiziden für eine Bewertung der ernährungsbedingten Risiken in Betracht gezogen werden, sofern es geeignete Methoden gibt. In diesen EU-Verordnungen wird zudem festgelegt, dass Pestizidrückstände keine schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben sollten, wobei bekannte Kumulations- und Synergieeffekte zu berücksichtigen sind.

 

Die EFSA hat Methoden zur Durchführung kumulativer Risikobewertungen von Pestizidrückständen in Lebensmitteln entwickelt. Es wurde ein Verfahren für die Festlegung kumulativer Bewertungsgruppen (Cumulative Assessment Groups – CAGs) von Pestiziden auf der Grundlage ihrer gemeinsamen toxikologischen Wirkung entwickelt.

 

Im Rahmen dieses Programms hat die EFSA zwei kumulative Pilotrisikobewertungen von Pestizidrückständen durchgeführt: bei der ersten Pilotbewertung wurden die chronischen Auswirkungen auf das Schilddrüsensystem und bei der zweiten die akuten Auswirkungen auf das Nervensystem untersucht.

 

  1. Zu welchen Ergebnissen führten die beiden Bewertungen?

Das generelle Fazit beider Bewertungen – unter Berücksichtigung von Unsicherheiten (siehe Frage 8) – lautet, dass das Risiko einer kumulativen ernährungsbedingten Exposition für Verbraucher unter dem Schwellenwert liegt, ab dem die von Risikomanagern bei der Europäischen Kommission und in den EU-Mitgliedstaaten festgelegten Regulierungsmaßnahmen (siehe Frage 5) ausgelöst werden.

 

  1. Welche Daten wurden herangezogen?

Die EFSA hat die von den EU-Mitgliedstaaten im Rahmen der amtlichen Überwachung von Pestizidrückständen in Lebensmitteln in den Jahren 2014, 2015 und 2016 erhobenen Daten sowie Verzehrsdaten von zehn Verbrauchergruppen herangezogen. Diese Gruppen wurden so ausgewählt, dass ein möglichst breites Spektrum geografischer Gebiete und Altersgruppen abgebildet werden konnte. Dabei wurden folgende Gruppen ausgewählt:

 

  • Kleinkinder (Dänemark, Niederlande, Vereinigtes Königreich);
  • andere Kinder (Bulgarien, Frankreich, Niederlande);
  • Erwachsene (Belgien, Deutschland, Italien, Tschechien).

 

  1. Und welche Methoden wurden angewandt?

Die Pilotbewertungen beruhten auf kumulativen Bewertungsgruppen (CAGs), die von der EFSA festgelegt wurden. Für die Bewertung der Auswirkungen auf das Schilddrüsensystem wurden zwei Gruppen mit 124 bzw. 18 Wirkstoffen und zwei weitere Gruppen für die Bewertung der Auswirkungen auf das Nervensystem, die 100 bzw. 47 Substanzen umfassten, verwendet.

Für jede kumulative Bewertungsgruppe wurden zeitgleich zwei Expositionsbewertungen durchgeführt, eine von der EFSA und eine weitere vom niederländischen nationalen Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM).

 

Die EFSA hat das Konzept der kombinierten (Gesamt-) Sicherheitsmarge für die Exposition (auch als „MOET-Wert“ oder „Expositionsspielraum“ bezeichnet) verwendet. Das Konzept findet gewöhnlich bei chemischen Risikobewertungen Anwendung. Ein MOET-Wert von über 100 gilt generell als für den Menschen ungefährlich. Im 99,9. Perzentil einer Exposition wurde ein MOET-Wert von 100 als Schwellenwert (bzw. Auslöser) für mögliche Regulierungsmaßnahmen festgelegt (siehe Frage 5).

 

  1. Wie hoch ist der Schwellenwert, der Regulierungsmaßnahmen auslöst?

Der Schwellenwert, der Überlegungen zur Durchführung möglicher Regulierungsmaßnahmen auslöst, ist ein von Risikomanagern – bei der Europäischen Kommission und in den Mitgliedstaaten – in Absprache mit der EFSA festgelegtes Schutzniveau. Dabei wird dem MOET-Wert und dem Anteil (Perzentil) der erfassten Bevölkerung Rechnung getragen. In diesem Fall beträgt der MOET-Wert 100, der erfasste Bevölkerungsanteil liegt bei 99,9 %. Wenn also der MOET-Wert für 999 von insgesamt 1 000 Menschen über 100 liegt, dürften Risikomanager voraussichtlich davon überzeugt sein, dass Regulierungsmaßnahmen wie beispielsweise eine Überprüfung der zulässigen Gehalte an Pestizidrückständen in Lebensmitteln (Rückstandshöchstgehalte) nicht erforderlich sind.

 

  1. Bedeutet dies, dass die Sicherheitsmarge für die Exposition in allen Fällen mehr als 100 betrug?

Nein, für die Bewertung der Exposition des Nervensystems lag der MOET-Wert im 99,9. Perzentil bei Kleinkindern und Kindern unter 100. Wichtig dabei ist allerdings, dass die EFSA bei beiden Bewertungen von konservativen Annahmen ausgegangen ist, um fehlende oder in beschränktem Ausmaß verfügbare Daten auszugleichen. Bei der Durchführung einer Unsicherheitsanalyse (siehe Frage 8) gilt es als wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich, dass der MOET-Wert für alle Gruppen höher als 100 ist. Dies erklärt die allgemeine Feststellung, dass eine kombinierte Exposition den Schwellenwert für Regelungsmaßnahmen unterschreitet.

 

  1. Wie erklären Sie die Expositionsergebnisse im 99,9.-Perzentil für das Nervensystem?
  • Die Berechnung der Exposition im 99,9. Perzentil – d. h. bei einem extrem hohen Belastungsgrad für Verbraucher – ist für Risikobewerter aus verschiedenen Gründen, die hauptsächlich mit der Qualität der vorhandenen Daten zusammenhängen, schwierig. Für die Bewertung der Auswirkungen auf das Nervensystem wurden die MOET-Schätzwerte im 99,9. Perzentil der Exposition anhand von Worst-Case-Annahmen berechnet, was dazu führt, dass die Exposition vermutlich überschätzt wird.
  • Die Expositionsschätzungen im 99,9. Perzentil wurden hauptsächlich durch das Vorkommen eines Pestizids in einem Nahrungsmittel und nicht durch die gleichzeitige Exposition gegenüber mehreren Substanzen beeinflusst.
  • Weitere Auslöser dafür waren auch Stichproben, die die gesetzlichen Vorgaben überschritten und für die die Mitgliedstaaten bereits Abhilfemaßnahmen ergriffen hatten.
  • Zu den Informationen, die Risikobewertern normalerweise dabei helfen, die Exposition gegenüber Pestizidrückständen noch genauer zu bewerten, gehören auch die Auswirkungen von Verarbeitungsschritten wie des Erhitzens oder Waschens von Lebensmitteln. In den meisten Fällen gaben die der EFSA vorliegenden Daten keinen Aufschluss über diese Informationen, was bedeutet, dass bei den Berechnungen auf der Grundlage von unverarbeiteten Stoffen die tatsächliche Exposition zu hoch bewertet wurde.

 

  1. Was ist eine Unsicherheitsanalyse?

Eine Unsicherheitsanalyse ist ein Verfahren, bei dem Einschränkungen wissenschaftlicher Erkenntnisse ermittelt und deren Auswirkungen auf wissenschaftliche Schlussfolgerungen bewertet werden. Wenn die Fachleute der EFSA eine Unsicherheitsanalyse durchführen, gehen sie nach den wissenschaftlichen Leitlinien vor, die 2018 vom Wissenschaftlichen Ausschuss der EFSA erstellt wurden.

 

  1. Weshalb hat die EFSA eine Unsicherheitsanalyse durchgeführt?

Wie bereits unter Frage 6 erläutert, ist die EFSA bei ihren Bewertungen von konservativen Annahmen ausgegangen, um fehlende oder nur in beschränktem Ausmaß verfügbare Daten auszugleichen. Dies hat zwangsläufig zu Unsicherheiten bei den Ergebnissen dieser Bewertungen geführt. Um Risikomanagern ein möglichst umfassendes Bild zu vermitteln, wurde eine Analyse durchgeführt, um alle Unsicherheiten zu quantifizieren und auf dieser Grundlage die MOET-Schätzwerte gegebenenfalls anzupassen.

Bei der Bewertung der Auswirkungen auf die Schilddrüse wurden beispielsweise 34 Unsicherheitsfaktoren ermittelt, die hauptsächlich mit der Qualität und Genauigkeit der Daten über den Verzehr und das Auftreten sowie mit der Vollständigkeit der kumulativen Bewertungsgruppen zusammenhingen.

 

  1. Wie bringt die EFSA Unsicherheit zum Ausdruck?

Den Leitlinien der EFSA zur Unsicherheitsanalyse zufolge ist es erforderlich, das Vertrauen im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen folgendermaßen auszudrücken:

 

Wahrscheinlichkeitsbegriff

Wahrscheinlichkeitsbereich

Fast sicher

99-100 %

Äußerst wahrscheinlich

95-99 %

Sehr wahrscheinlich

90-95 %

Wahrscheinlich

66-90 %

Ungefähr genauso wahrscheinlich wie unwahrscheinlich

33–66 %

Unwahrscheinlich

10-33 %

Sehr unwahrscheinlich

5-10 %

Äußerst unwahrscheinlich

1-5 %

Fast unmöglich

0-1 %

Leitlinien zur Unsicherheitsanalyse bei der wissenschaftlichen Bewertung (EFSA, 2018)

 

Im Fall von Bewertungen kumulativer Bewertungsgruppen wurden die Ergebnisse für einige Bevölkerungsgruppen mit einer Sicherheit von 99-100 % („fast sicher“) ausgedrückt, während andere wiederum mit 90-95 % („sehr wahrscheinlich“ oder weniger („wahrscheinlich“) eingestuft wurden. Diese Schwankungsbreite hängt in starkem Maße mit den unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten der einzelnen Gruppen zusammen.

 

  1. Welche Rolle spielte das RIVM?

Das nationale Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM) der Niederlande hat bei diesem Projekt eine maßgebliche Rolle gespielt. Es hat im Rahmen einer Partnerschaftsvereinbarung mit der EFSA das Risikobewertungsinstrument „Monte Carlo“ (Monte Carlo Risk Assessment Tool, MRCA) entwickelt, das für die Durchführung von Bewertungen der Exposition des Nervensystems und der Schilddrüse eingesetzt wurde. Das RIVM wird das MRCA-Instrument zur Unterstützung der Arbeit der EFSA im Bereich kumulativer Risiken weiterentwickeln.

 

  1. Was geschieht als nächstes mit diesen Berichten?
    Beide Pilotbewertungen werden vor ihrer Fertigstellung im Jahr 2020 für eine öffentliche Konsultation zur Verfügung gestellt. Die Bewertungen werden darüber hinaus im Oktober 2019 auf einer besonderen Veranstaltung für interessierte Kreise in Brüssel vorgestellt. Das abschließende Gutachten wird Risikomanager bei der Europäischen Kommission und in den Mitgliedstaaten, die Rechtsvorschriften über den sicheren Einsatz von Pestiziden in der EU erlassen, als Informationsgrundlage dienen.

 

 

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