Blauzungenkrankheit

Blauzungenkrankheit

Die Blauzungenkrankheit (Bluetongue, BT) ist eine Tierkrankheit, die Hauswiederkäuer und wild lebende Wiederkäuer, wie Schafe, Rinder, Ziegen und Rotwild, befällt. Es handelt sich um eine nicht ansteckende Infektion, die von fliegenden Insekten, und zwar von Mücken der Gattung Culicoides, übertragen wird. Zurzeit sind der Wissenschaft 24 Serotypen des Virus bekannt, deren Virulenz und Mortalitätsrate variieren kann. Der Weg, über den die Krankheit übertragen wird, und die empfänglichen Tierarten werden ständig von Wissenschaftlern untersucht.

Derzeit ist nicht bekannt, dass die Blauzungenkrankheit für Menschen gesundheitsschädlich ist. Die Krankheit kann jedoch beträchtlichen Schaden unter Tierpopulationen verursachen. Die Blauzungenkrankheit ist eine grenzüberschreitende Krankheit, bei der die epidemiologische Situation eines Landes Auswirkungen auf die Nachbarländer haben kann und die Durchführung einzelstaatlicher Maßnahmen in der Regel nicht ausreicht, um die Verbreitung zu bekämpfen.

Die zentrale Rolle fliegender Insekten für die Epidemiologie der Blauzungenkrankheit bedeutet, dass die Prävalenz der Krankheit von ökologischen Faktoren, die das Überleben der Insekten begünstigen (z. B. Temperatur, Feuchtigkeit und Bodeneigenschaften) gesteuert wird. Ausbrüche der Blauzungenkrankheit treten im Allgemeinen saisonal und bei warmem Klima auf.

Situation in der EU

Bis vor kurzem war die Blauzungenkrankheit nur aus den südlichen Regionen der EU gemeldet worden, wie beispielsweise einigen Teilen Italiens, Spaniens, Frankreichs und Portugals. Im August 2006 meldeten mehrere nordeuropäische Länder die allerersten Ausbrüche von Blauzungenkrankheit, darunter die Niederlande, Belgien, Deutschland und Frankreich. Weitere Berichte über Ausbrüche folgten 2007 und 2008, u. a. aus dem Vereinigten Königreich und Schweden.

EU-Kontrollmaßnahmen zur Bekämpfung der Blauzungenkrankheit sind seit 2000 durch die Richtlinie 2000/75/EG des Rates vorhanden. Diese umfassen unter anderem die Abgrenzung von Schutz- und Kontrollzonen und das Verbot der Verbringung von Tieren empfänglicher Arten aus diesen Zonen. Weitere Kontrollregeln wurden angenommen, um den kürzlich erfolgten Ausbruch durch koordinierte europäische Aktion zu bekämpfen. Diese Regeln stützen sich auf eine wissenschaftliche Beratung der EFSA und werden von der Europäischen Kommission und den EU-Mitgliedstaaten beschlossen. Die Verordnung (EG) Nr. 1266/2007 der Kommission enthält detaillierte Durchführungsvorschriften hinsichtlich der Bekämpfung, Überwachung und Beobachtung von Tieren und fliegenden Insekten (d.h. Mücken) sowie der Beschränkungen, die für Verbringungen bestimmter Tierarten gelten. Einzelheiten zu den Sperrzonen in EU-Mitgliedstaaten sind von der Europäischen Kommission erhältlich.

Die Impfung gegen die Blauzungenkrankheit ist ein wichtiges Instrument zur Bekämpfung der Krankheit und wird ebenfalls angewendet, um einen ‘sicheren’ Handel mit lebenden Wiederkäuern auf der Basis der EU-Gesetzgebung und entsprechend den Standards der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) zu ermöglichen.

Rolle und Aktivitäten der EFSA

Die EFSA stellt der Europäischen Kommission, dem Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten wissenschaftliche Unterstützung zur Verfügung. Da der kürzlich erfolgte Ausbruch der Blauzungenkrankheit ein neu auftretendes und aktuelles Risikoproblem darstellt, von dem viele Regionen der EU betroffen sind, kommt der EFSA bei der Arbeit mit den Mitgliedstaaten eine Schlüsselrolle zu, um die Entwicklung der Situation aus nächster Nähe zu verfolgen und zu gewährleisten, dass den Risikomanagern die neueste wissenschaftliche Beratung zur Verfügung steht.

Die Aktivitäten der EFSA konzentrieren sich darauf, das wissenschaftliche Verständnis der Dynamik und der Verbreitungsmuster der Krankheit in Europa zu verbessern und eine wissenschaftliche Grundlage für integrierte Maßnahmen des Risikomanagements zu schaffen.

Zur Aufgabe der EFSA gehört es auch, mit den Mitgliedstaaten sowie den Organen und Einrichtungen der EU aktiv bei der Erhebung, Verbreitung und Aktualisierung der neuesten wissenschaftlichen Daten über die Blauzungenkrankheit zusammen zu arbeiten. Kurz nach den ersten Ausbrüchen in Nordeuropa veröffentlichte die EFSA im September 2006 eine diesbezügliche wissenschaftliche Mitteilung, in der sie die Mitgliedstaaten bat, bei der Erhebung von Daten und Informationen eng mit der EFSA zusammen zu arbeiten sowie nationale Risikobewertungen über die kürzlich erfolgten Ausbrüche vorzulegen.

2007 legte die EFSA regelmäßige wöchentliche Berichte über die Situation der Krankheit und eine epidemiologische Analyse der Überwachungsdaten aktueller Ausbrüche vor, um die Seuche, die im August 2006 begann, zu kennzeichnen und Modelle künftiger Szenarien zu erarbeiten. Der rasche Zugang zu Datenbanken über Tierbestände auf nationaler Ebene ist ein Schlüsselfaktor, um epidemiologische Analysen unverzüglich durchführen zu können. Diese Arbeit erfolgte durch die EFSA, die für die Koordination einer epidemiologischen Arbeitsgruppe mit Experten aus betroffenen Ländern zuständig war. Der Bericht über die  globale epidemiologische Analyse des Ausbruchs in Nordeuropa wurde im April 2007 herausgegeben. Er beinhaltete den Ursprung, die klinischen Zeichen und die Verbreitung der Krankheit. Wind hatte einen großen Einfluss auf die Verbreitung der Krankheit. Dies ermöglichte es der EFSA, genaue Vorhersagen bezüglich des Gebietes im Vereinigten Königreich zu treffen, in dem die Krankheit 2007 höchstwahrscheinlich auftreten würde.

Wissenschaftliche Beratung und Empfehlungen

Die epidemiologische Arbeit unterstützte die Schlussfolgerungen des  Gremiums für Tiergesundheit und Tierschutz (AHAW-Gremium) der EFSA, das weiterhin wissenschaftliche Gutachten über die Krankheit auf der Grundlage von Mandaten der Europäischen Kommission und durch Aktivitäten in Eigeninitiative (Self-Tasks) erstellt. Der Schwerpunkt lag auf folgenden Punkten:

  • Der Ursprung und das Auftreten exotischer Serotypen der Blauzungenkrankheit in der EU, um das Verständnis der möglichen künftigen Verbreitung der Krankheit zu verbessern.
  • Die Epidemiologie und die klinische Diagnose verschiedener Stämme der Blauzungenkrankheit.
  • Die genaue Rolle fliegender Insekten bei der Verbreitung der Krankheit, einschließlich ihrer saisonalen Aktivitätsmuster und Flugbereiche.
  • Die Eignung der Mittel zur Bekämpfung der an der Verbreitung der Blauzungenkrankheit beteiligten Insekten, wie Insektizide, Repellenzien und andere Methoden zum Schutz der Tiere vor Insektenstichen, z. B. der Einsatz geschlossener Haltungsvorrichtungen.
  • Der Einsatz von Impfstoffen zur Verringerung des Infektionsrisikos und ihre Effizienz auf der Grundlage von Erfahrungen in EU-Mitgliedstaaten und in anderen Teilen der Welt.
  • Die Risiken der Krankheitsübertragung während der Durchfuhr von Tieren, wenn Tiere aus oder durch Sperrzonen innerhalb der EU verbracht werden, einschließlich der Wirksamkeit des Einsatzes von Insektiziden oder Repellenzien für Vektoren.


Die EFSA vertritt in ihren Empfehlungen nach wie vor die Auffassung, dass die Anwendung von Impfstoffen (vorzugsweise inaktivierten Impfstoffen) eine Priorität darstellt und Maßnahmen gefördert werden sollten, um die Entwicklung solcher Impfstoffe anzuregen. Die Genehmigung solcher Impfstoffe fällt in den Aufgabenbereich der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMEA).

Aufgrund der Entwicklungen in der Epidemiologie der Blauzungenkrankheit in Europa und der veränderten klimatischen Bedingungen empfahl die EFSA den Einsatz wirksamer Insektizide und anderer Präventivmaßnahmen in den Einreisehäfen nach Europa und für den Handel mit Tieren zwischen infizierten Gebieten und Gebieten in Europa, in denen die Blauzungenkrankheit nicht ausgebrochen ist.

EFSA bekräftigt die Notwendigkeit, nicht nur die Vektoren der Blauzungenkrankheit, sondern auch diejenigen anderer möglicher neu auftretender Tierkrankheiten zu beobachten. Die Finanzierung dieser Forschungen fällt zwar in den Zuständigkeitsbereich der GD Forschung der Europäischen Kommission, die EFSA hat jedoch einen Aufruf für ein Kooperationsprojekt im Zusammenhang mit drei solcher Krankheiten veröffentlicht. Dieses Projekt erstreckt sich u. a. auf die Bewertung der Verbreitung von Arthropodenvektoren in der EU und deren potenzielle Rolle bei der Übertragung exotischer oder neu auftretender, von Vektoren übertragener Krankheiten und Zoonosen. Dieser Bericht soll in der zweiten Jahreshälfte 2008 vorliegen.

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Letzte Aktualisierung: 2 April 2012