Bienengesundheit

Die Imkerei ist eine althergebrachte Tradition; seit mehreren Jahrtausenden werden in Europa Honigbienen gehalten. Bienen sind für die Umwelt von grundlegender Bedeutung, erhalten sie doch durch die Bestäubung zahlreicher Kultur- und Wildpflanzen die biologische Vielfalt. Bienen tragen zudem direkt zum Wohlstand und Wohlbefinden des Menschen bei, indem sie Honig sowie andere Erzeugnisse für den Lebens- und Futtermittelbereich liefern, wie etwa Pollen, Wachs für die Lebensmittelverarbeitung, Propolis zur Verwendung in der Lebensmitteltechnologie oder Gelée royale als Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittelzutat.

Schätzungen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge werden 71 der 100 Nutzpflanzenarten, aus denen 90% der Lebensmittel weltweit gewonnen werden, von Bienen bestäubt. Der Großteil der in der Europäischen Union (EU) angebauten Kulturpflanzen ist auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Abgesehen von der grundsätzlichen Bedeutung, der der Bestäubung beim Erhalt der biologischen Vielfalt zukommt, wird ihr finanzieller Wert weltweit jährlich auf Hunderte Milliarden von Euro geschätzt.

Angesichts der ökologischen und ökonomischen Bedeutung von Bienen muss die Gesundheit der Bienenvölker überwacht und erhalten werden – nicht nur auf lokaler oder nationaler Ebene, sondern weltweit.

Rückgang der Bienenbestände

In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde von Imkern ein ungewöhnlicher Rückgang der Bienenzahl sowie der Verlust ganzer Bienenvölker beobachtet, insbesondere in westeuropäischen Ländern wie Frankreich, Belgien, der Schweiz, Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Italien und Spanien. In Nordamerika hat das seit 2005 beobachtete Biensterben soweit geführt, dass dort mittlerweile weniger Bienen gehalten werden als jemals zuvor in den vergangenen 50 Jahren. Amerikanische Wissenschaftler haben für dieses Phänomen den Begriff „Colony Collapse Disorder“ (CCD – Völkerkollaps) geprägt. Ein häufiges Merkmal von CCD ist der rasch eintretende Verlust erwachsener Arbeiterbienen im Stock.

Bislang konnte keine alleinige Ursache für den Rückgang der Bienenvölker ausgemacht werden. Es werden jedoch verschiedene Einflussfaktoren angeführt, die in Kombination bzw. unabhängig voneinander eine Rolle spielen. Hierzu zählen die Auswirkungen von intensiver Landwirtschaft und dem Einsatz von Pestiziden, die Unter- bzw. Fehlernährung von Bienen, Viren, Angriffe durch Pathogene und invasive Arten – z.B. die Varroamilbe (Varroa destructor), die asiatische Hornisse (Vespa velutina), den kleinen Beutenkäfer (Aethina tumida) und die Milben der Gattung Tropilaelaps –, genetisch veränderte Pflanzen sowie Umweltveränderungen (wie die Fragmentierung und der Verlust natürlicher Lebensräume).

Im Mai 2012 stellte die Europäische Kommission im Rahmen ihrer Strategie zur Bekämpfung des Bienenrückgangs 3,3 Mio. EUR zur Verfügung, mit denen 17 Mitgliedstaaten bei der Durchführung von Überwachungsstudien unterstützt werden sollen, um weitere Informationen über den Verlust von Bienenvölkern zusammenzutragen. Diese Mittelbindung erfolgte im Anschluss an einen von der EFSA in Auftrag gegebenen Bericht, Bee Mortality and Bee Surveillance in Europe (Bienensterblichkeit und Bienenüberwachung in Europa). Aus diesem ging hervor, dass die Überwachungssysteme in der EU schwach sind sowie dass auf mitgliedstaatlicher Ebene nicht ausreichend Daten und auf EU-Ebene nicht genügend vergleichbare Daten vorliegen (siehe Aktivitäten der EFSA).

Die Rolle der EFSA

Angesichts ihres Auftrags, die Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit in der EU zu verbessern und für ein hohes Maß an Verbraucherschutz zu sorgen, kommt der EFSA bei der Gewährleistung des Erhalts gesunder Bienenvölker in Europa eine wichtige Rolle zu. Zur Erfüllung dieser Aufgabe leisten verschiedene Wissenschaftliche Gremien und Referate der Behörde ihren Beitrag, insbesondere in den Bereichen Pestizide, Tiergesundheit und Tierschutz, Pflanzengesundheit, Genetisch veränderte Organismen (GVO), Datenerhebung und Wissenschaftliche Bewertung.

Von zentraler Bedeutung sind dabei die Bewertungen der EFSA zur Umweltverträglichkeit von Pestiziden und GVO, die Hersteller auf dem EU-Markt vertreiben möchten. Das Referat Pestizide der EFSA ist für das Peer-Review der Risikobewertungen von in Pflanzenschutzmitteln verwendeten Wirkstoffen zuständig. Die von den Antragstellern eingereichten Unterlagen müssen umfassende Informationen über die potenziell von ihren Produkten für die Umwelt ausgehenden Risiken enthalten.

Das Referat führt zudem Risikobewertungen der Rückstandshöchstgehalte (Maximum Residue Levels – MRL) von in Pestiziden enthaltenen Wirkstoffen durch. Hierbei werden die potenziellen Auswirkungen der betreffenden Substanzen auf die Umwelt im Allgemeinen sowie auf Nichtzielorganismen (wie Bienen) im Besonderen berücksichtigt. Das Referat erstellt darüber hinaus den jährlichen EU-Bericht über Pestizidrückstände in bzw. auf Lebens- und Futtermitteln, der einen Überblick über die Kontrollmaßnahmen enthält, die in den 27 EU-Mitgliedstaaten sowie zwei EFTA-Ländern (Island und Norwegen) durchgeführt werden. Diese sollen sicherzustellen, dass Lebens- und Futtermittel den Standards entsprechen, die von der europäischen Gesetzgebung im Hinblick auf Pestizidrückstände vorgegeben sind. Der neueste Bericht für 2009 zeigt, dass nur 0,1 % der untersuchten Honigproben Pestizide enthielten, die die MRL überschritten.

Das Gremium für Pflanzenschutzmittel und ihre Rückstände (PPR-Gremium) leistet unabhängige wissenschaftliche Beratung zur Risikobewertung von Pflanzenschutzmitteln und ihren Rückständen. Hierunter fällt insbesondere die Prüfung von Risiken für Anwender, Arbeiter, Anwohner und Verbraucher sowie für die Umwelt, einschließlich wildlebender Tiere. Eine der Haupttätigkeiten des PPR-Gremiums besteht darin, neue Leitliniendokumente für die Risikobewertung von Pflanzenschutzmitteln, etwa zur Entwicklung von Ansätzen, Methoden und Modellen der Risikobewertung, zu entwickeln bzw. bestehende Leitlinien zu überarbeiten. Das Gremium kann Gutachten über die Auswirkungen bestimmter Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln oder zu generellen Fragen im Zusammenhang mit der sicheren Verwendung von Pestiziden vorlegen.

GVO und daraus gewonnene Lebens- und Futtermittelerzeugnisse sind einer Risikoanalyse zu unterziehen, bevor sie auf dem EU-Markt vertrieben werden können. Im Rahmen dieses Prozesses besteht die Rolle des GMO-Gremiums in der unabhängigen Evaluierung der Risikobewertungen, die von Unternehmen und Herstellern vorgelegt werden, sowie in der wissenschaftlichen Beratung von Risikomanagern zu etwaigen Risiken durch GVO für die Gesundheit von Mensch und Tier sowie die Umwelt. Die Bewertung erstreckt sich auf eine Reihe spezifischer Risikoaspekte, darunter mögliche Risiken für Nichtzielorganismen wie Bienen. Das Gremium hat Leitlinien für die Sicherheitsbewertung von GV-Pflanzen und aus ihnen gewonnene Lebens- und Futtermitteln erarbeitet, die Unternehmen und Herstellern bei der Erstellung der Anträge auf Zulassung von GV-Pflanzen Orientierung bieten. Im Jahr 2010 hat das GMO-Gremium seine Leitlinien für die Umweltverträglichkeitsprüfung von GV-Pflanzen aktualisiert; außerdem wurden spezielle Leitlinien für die Bewertung möglicher Auswirkungen von GV-Pflanzen auf Nichtzielorganismen entwickelt.

Überdies muss jeder Antrag auf Zulassung einer GV-Pflanze einen Plan für die Umweltüberwachung nach dem Inverkehrbringen (Post-Market Environmental Monitoring – PMEM) enthalten, der zeigt, wie der Antragsteller nach dem rechtmäßigen Inverkehrbringen der GV-Pflanze in der EU potenzielle Umweltbeeinträchtigungen überwachen will. Durch die PMEM sollen mögliche unvorhergesehene negative Auswirkungen auf die Umwelt ermittelt werden, die sich direkt oder indirekt aus dem Anbau von GV-Pflanzen ergeben können. Im Jahr 2006 stellte das GMO-Gremium der EFSA Antragstellern Leitlinien zur Erarbeitung von PMEM-Plänen zur Verfügung, die 2011 aktualisiert wurden. Seit 2010 ist das GMO-Gremium für die Bewertung der jährlichen PMEM-Berichte zuständig, die der Europäischen Kommission für jede in der EU zum Anbau zugelassene GV-Kulturpflanze (derzeit Mais MON810 und die Amflora-Kartoffel) vorgelegt werden.

Das Gremium für Pflanzengesundheit bietet unabhängige wissenschaftliche Beratung zu Risiken durch Organismen, die Pflanzen, Pflanzenerzeugnissen oder der biologischen Vielfalt von Pflanzen in der EU schaden können. Jede Schadorganismus-Risikobewertung umfasst eine Bewertung der Risiken für die Umwelt; zur Verdeutlichung und Harmonisierung der Ansätze auf diesem Gebiet hat das Gremium spezielle Leitlinien zur Bewertung von Umweltrisiken durch Pflanzenschädlinge entwickelt. Die Arbeiten der EFSA im Bereich der Pflanzengesundheit sind für die Bienengesundheit von besonderer Bedeutung, da einige Schädlinge, die eine Bedrohung für Bienen darstellen, auf Pflanzen leben bzw. über diese verbreitet werden. Der kleine Beutenkäfer beispielsweise überlebt auch ohne Bienen auf Obst und Gemüse und könnte mit der Versendung entsprechender Erzeugnisse in die EU gelangen.

Das Gremium für Tiergesundheit und Tierschutz bietet unabhängige wissenschaftliche Beratung zu allen Aspekten, die Tierkrankheiten und den Tierschutz betreffen. Seine Arbeit erstreckt sich vorrangig auf zur Lebensmittelerzeugung gehaltene Tiere.

Die EFSA veröffentlicht einen jährlichen Bericht, in dem EU-weite Daten zum Vorkommen von Tierarzneimittelrückständen und anderen Wirkstoffen in lebenden Tieren und Erzeugnissen tierischen Ursprungs – wie Honig – zusammengefasst werden. Der jüngste Bericht für das Jahr 2010 zeigt, dass nur 0,33 % der gezielten Proben (418 081) nicht den Vorgaben entsprachen; damit ist das Niveau seit 2009 (0,32 %) annähernd konstant.

EU-Rechtsrahmen

Aktivitäten der EFSA

Im Jahr 2009 startete die EFSA ein Projekt zur Bewertung von Bienenüberwachungssystemen in der EU und begann, Daten und Veröffentlichungen zur Sterblichkeit von Bienenvölkern aus ganz Europa zusammenzutragen und auszuwerten. Die Agence Française de Sécurité Sanitaire des Aliments (AFSSA, mittlerweile Anses) richtete eine Forschungsgruppe ein, der sieben sich mit Bienenkrankheiten befassende europäische Institute angehörten, um dem Datendesiderat nachzukommen und die einschlägige Literatur auszuwerten. Der daraus hervorgehende Bericht Bee Mortality and Bee Surveillance in Europe enthielt eine Reihe von Empfehlungen zur Verbesserung der Überwachung und stellte einen EU-weiten Konsens bezüglich der multifaktoriellen Ursachen für den Rückgang der Bienenpopulation fest. Der Bericht floss auch in die Strategie der Kommission zur Bekämpfung des Rückgangs der Bienenvölker in Europa ein, die in einer 2010 herausgegebenen grundlegenden Mitteilung zur Gesundheit von Honigbienen eingehend dargestellt wurde.

Im Jahr 2012 beteiligten sich Mitarbeiter der EFSA an einer von der französischen Behörde für Ernährungssicherheit, Umwelt- und Arbeitsschutz (Anses) eingerichteten Arbeitsgruppe. Diese sollte eine wissenschaftliche Veröffentlichung über die kombinierte Wirkung von Bienenpathogenen (Nosema ceranae) und niedrigen Pestiziddosen auf die Sterblichkeit von Honigbienen prüfen und eine engere wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen EFSA und Anses bei der Risikobewertung im Hinblick auf Bienen sicherstellen. Die Arbeitsgruppe gelangte zu dem Schluss, dass zu den toxikokinetischen Eigenschaften der chemischen Stoffe, mit denen Bienen in der Umwelt in Kontakt kommen, noch weiterer Forschungsbedarf besteht und dass neue Strategien zur Bewertung potenzieller Risiken für Bienen durch die Exposition von Bienen gegenüber niedrigen, wiederholten Pestiziddosen berücksichtigen sollten.

Im Februar 2012 untersuchte das Referat Pestizide auf Ersuchen der Europäischen Kommission das von Thiamethoxam ausgehende Risiko für Honigbienen auf der Grundlage neu vorliegender Informationen. Thiamethoxam ist ein zur Gruppe der Neonicotinoide zählendes Insektizid, das einigen Studien zufolge zum Verlust von Bienenvölkern beitragen könnte. Die Verwendung von Neonicotinoiden ist in Deutschland, Italien, Frankreich und Slowenien beschränkt.

Im Juni 2012 veröffentlichte das Referat Pestizide eine Stellungnahme zu zwei in der Zeitschrift Science erschienenen Artikeln, die eine Verbindung zwischen Neonicotinoiden und dem Überleben von Bienenvölkern nahelegen. Der erste Artikel verweist auf Forschungsergebnisse, denen zufolge Honigbienen, die subletalen Dosen von Thiamethoxam ausgesetzt sind, nur noch beschränkt orientierungsfähig sind, und gelangt zu dem Schluss, dass üblicherweise eingesetzte Konzentrationen von Thiamethoxam zum Völkerkollaps beitragen können. Der zweite Artikel kommt zu der Erkenntnis, dass Imidacloprid, ein weiteres Neonicotinoid, die reproduktive Gesundheit von Hummeln beeinträchtigen kann. Die Europäische Kommission ersuchte die EFSA zu untersuchen, ob die in den Studien verwendeten Dosen vergleichbar sind mit den Dosen, denen Bienen tatsächlich ausgesetzt sind.

Die EFSA setzte ihre Arbeit in diesem Bereich fort, indem sie Risikobewertungen zu den potenziellen Auswirkungen von Thiamethoxam, Imidacloprid und Clothianidin für Bienen erstellte. Bei den im Januar 2013 veröffentlichten Bewertungen wurden insbesondere akute und chronische Wirkungen im Hinblick auf das Überleben und die Entwicklung von Bienenvölkern sowie Auswirkungen auf Bienenlarven und das Bienenverhalten berücksichtigt.

Ausgehend von den Empehlungen der EFSA/Anses-Arbeitsgruppe (siehe oben) führte die EFSA im Mai 2013 eine Risikobewertung des Insektizids Fipronil durch, bei der besondere Beachtung den möglichen akuten, chronischen und subletalen Wirkungen auf Bienen galt. Im selben Monat kamen über hundert Bienensachveständige anlässlich eines Wissenschaftlichen Kolloquiums der Behörde zusammen, um ganzheitliche Ansätze im Rahmen der Risikobewertung multipler Stressoren bei Bienen zu erörtern.

Im Juli 2013 veröffentlichte die EFSA ein bedeutendes Leitliniendokument zur Risikobewertung von Pestiziden im Hinblick auf Honigbienen, Hummeln und Solitärbienen. Die Grundlage hierfür wurde im April 2012 gelegt, als das PPR-Gremium ein Gutachten über die wissenschaftlichen Grundlagen zur Erstellung dieser Leitlinien veröffentlichte.

Im Januar 2013 veröffentlichten die EFSA-Sachverständigen für Tiergesundheit und Tierschutz ein wissenschaftliches Gutachten über die Risiken der Einschleppung des kleinen Beutenkäfers (Aethina tumida) und von Milben der Gattung Tropilaelaps in die sowie deren Ausbreitung in der EU durch die Einfuhr von lebenden Bienen und Bienenerzeugnissen sowie Erzeugnissen wie Obst und Gemüse aus Drittländern.

Entsprechend dem Ansatz der EFSA, Risikobewertungen in einem weiteren und stärker integrierten Rahmen zu betrachten, um so Risikomanagern noch umfassendere Beratung zur Entscheidungsfindung leisten zu können, richtete die Behörde im Mai 2012 eine interne Taskforce ein, die sich aus Mitgliedern der betroffenen Referate zusammensetzt und deren Aufgabe darin besteht, einen aktuellen Überblick über die von der EFSA geleisteten Arbeiten sowie die derzeit außerhalb der EFSA durchgeführten Aktivitäten im Bereich Bienengesundheit zu erstellen.

Die von EFSA-Mitarbeitern koordinierte Taskforce veröffentlichte zwei Berichte. Der erste, im November 2012 veröffentlichte Bericht gab einen Überblick über die laufenden Tätigkeiten der EFSA in diesem Bereich und enthielt Empfehlungen im Hinblick darauf, wie diese fortgesetzt werden sollten. Der zweite, in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission und Mitgliedstaaten erstellte Bericht wurde im März 2014 vorgelegt und befasst sich mit derzeit in der gesamten EU laufenden Arbeiten zur Risikobewertung bei Bienen. Darin werden Wissenslücken aufgezeigt und Forschungsarbeiten vorgeschlagen, die bei der Entwicklung eines harmonisierten Umweltrisikobewertungsprogramms für Bienen hilfreich wären.

Letzte Aktualisierung: 3 Juni 2014