EFSA@EXPO im Rückblick: Die Gewichtung von Evidenz in einer ungewissen Welt

Wie sollen Risikobewerter verschiedene Arten wissenschaftlicher Informationen (Tierstudien, Humanstudien, Literaturauswertungen, Computermodelle usw.), voneinander abweichende wissenschaftliche Informationen oder Informationen, die mit Hilfe neuer Methoden gewonnen wurden, miteinander in Einklang bringen? Mit welcher Gewissheit können Forscher angesichts der Unsicherheit, die jeder wissenschaftlichen Bewertung innewohnt, von der Richtigkeit ihrer Schlussfolgerungen ausgehen? Immer mehr und umfangreichere Datensätze sowie neue Nachweisformen bringen die Notwendigkeit mit sich, klare und einheitliche Ansätze für die Gewichtung von Evidenz und die Abwägung von Unsicherheiten zu entwickeln, die belastbare Bewertungen zur Unterstützung der Entscheidungsfindung hervorbringen.

Aktuelle Entwicklungen und Zukunftsperspektiven

Die Forderung nach einer systematischeren und transparenteren Evidenzbewertung ist zum Teil auf den Bedarf an äußerst komplexen Bewertungen (z.B. endokriner Wirkungen oder chemischer Gemische) zurückzuführen, bei denen neue Evidenzquellen einbezogen werden (z.B. in vitro- oder „-omik“-Technologien), erläuterte Lorenz Rhomberg, weltweit führender Experte auf dem Gebiet der Risikobewertung. Die in Risikobewertung und Regulatorik tätigen Wissenschaftler stehen vor der großen Herausforderung, die verfügbaren Methoden nach Möglichkeit auf globaler Ebene zu vereinheitlichen, um belastbare und konsistente Ansätze zu schaffen, die ihren Zweck erfüllen und zugleich die Kommunikation mit der Außenwelt erleichtern.

Mit dem wissenschaftlichen Fortschritt wandelt sich auch die Evidenz

Die rasante Entwicklung der Molekularbiologie in den letzten vierzig Jahren macht es möglich, anhand von Toxizitätsstudien auf Zell- und Molekularebene potenziell toxische Wirkungen chemischer Stoffe in komplexen Organismen vorauszusagen. Harvey Clewell vom Center for Human Health Assessment an den Hamner Institutes for Health Sciences in den USA ging der Frage nach, wie Tierversuche, die in den vergangenen hundert Jahren den Hauptpfeiler der chemischen Risikobewertung bildeten, mittlerweile durch die Analyse der Wirkungsweise ergänzt und bisweilen sogar ersetzt werden.

Evidenz und Unsicherheit bei der Bewertung mikrobiologischer Risiken

Matthias Greiner, Abteilungsleiter am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und Professor an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, zeigte auf, dass bei der Bewertung mikrobiologischer Risiken im Hinblick auf die Einbeziehung von Evidenz und die Bewertung von Unsicherheiten derzeit andere Theorien, andere Begrifflichkeiten und andere Verfahren zum Einsatz kommen als bei der Bewertung chemischer Risiken. Er konnte überzeugend darstellen, dass es durchaus möglich wäre, diese Ansätze systematischer einzusetzen, um die Entscheidungsfindung bei zunehmend komplexen Fragestellungen zu unterstützen.

Evidenz und Unsicherheit bei der Bewertung von Umweltrisiken

Viele wesentliche Begriffe, die bei der Bewertung von Risiken für den Menschen verwendet werden, gehen auf die Umweltforschung zurück, so Glenn Suter vom National Center for Environmental Assessment, das der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde angeschlossen ist. Er stellte die vorläufigen Ergebnisse der Arbeit seiner Behörde an einem Leitfaden für die Bewertung ökologischer Risiken vor. Dabei wird ein strukturierter Ansatz zur Evidenzgewichtung verfolgt, der für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen quantitativen und qualitativen Daten sorgen und zu zuverlässigen Ergebnissen führen soll.

Prädiktive Toxikologie – neue Unsicherheiten durch neue Methoden

Die zunehmende Komplexität von Bewertungen und die Forderung nach weniger Tierversuchen beschleunigen die Suche nach alternativen Methoden der prädiktiven Toxikologie. Maurice Whelan von der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) der Europäischen Kommission leitet sowohl das EU-Referenzlabor für Alternativen zu Tierversuchen (EURL ECVAM) als auch das Referat Systemtoxikologie am Institut für Gesundheit und Verbraucherschutz (IHCP), befindet sich also direkt am Puls dieser Entwicklungen. Die neuen Alternativen weisen gegenüber herkömmlichen Testverfahren der Toxikologie deutliche Vorteile auf, da sie beispielsweise die Notwendigkeit von Tierversuchen und Tests von Wirkungsweisen erheblich verringern, bergen zugleich jedoch neue Ungewissheiten, die bei Bewertungen zu berücksichtigen sind.

Der Umgang mit Unsicherheit als Quelle besserer wissenschaftlicher Bewertungen

Andrew Hart von der Behörde für Lebensmittel- und Umweltforschung (FERA) im Vereinigten Königreich präsentierte abschließend in einem knappen, mitreißenden Vortrag den Leitlinienentwurf des Wissenschaftlichen Ausschusses der EFSA für den Umgang mit Unsicherheit. Die darin vorgeschlagene Kombination verschiedener Methoden („Toolbox“) soll einen ebenso flexiblen wie kohärenten Umgang mit Unsicherheitsanalysen bei sämtlichen Bewertungen der EFSA gewährleisten und auch Möglichkeiten für die quantitative Bewertung der Gesamtunsicherheit bieten.

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