EFSA macht Fortschritte bei der Bewertung potenzieller endokrin disruptiver Pestizide

Wissenschaftler der EFSA haben unlängst bedeutende Fortschritte im Hinblick auf potenzielle „endokrine Disruptoren“ in Pflanzenschutzmitteln erzielt. Mit ihrer Arbeit reagieren sie auf jüngste EU-Vorschriften, mit denen sich seit 2014 die Vorgehensweise der EFSA bei der Bewertung von in Pflanzenschutzmitteln verwendeten Wirkstoffen geändert hat.

 


Jose Tarazona

Leiter des Referats Pestizide

Dr. Jose Tarazona ist Leiter des Referats Pestizide der EFSA. Als Umwelttoxikologe mit jahrzehntelanger Erfahrung bei der Bewertung von Pestiziden und anderen Chemikalien auf nationaler und europäischer Ebene gibt Dr. Tarazona Einblick in die Initiative seines Teams.

Was hat sich für die Arbeit der EFSA im Bereich Pestizide in letzter Zeit geändert?

Jose Tarazona: Die neuen EU-Gesetzesvorschriften haben die Rolle der EFSA in diesem komplexen Bereich verändert. Insbesondere verlangen die neuen Vorschriften von uns, Stoffe mit vermeintlich „endokrin disruptiven Eigenschaften“, die schädlich für Menschen oder Nichtzielorganismen (wie Vögel, Säugetiere oder Fische) sein können, zu ermitteln. Wie auch bei anderen potenziellen Risiken sind wir verpflichtet, diese möglichen Auswirkungen auf zweierlei Weise zu bewerten: in Bezug auf das Gefährdungspotenzial der Substanz (also deren Fähigkeit, Schaden zu verursachen) sowie hinsichtlich des tatsächlichen Risikos im Falle der Verwendung in Pestiziden (etwa durch die Exposition über verzehrtes Obst oder Gemüse). Dieser „parallele Ansatz“ hilft, die wissenschaftliche Grundlage für eine risiko- bzw. gefahrenbasierte Entscheidungsfindung zu schaffen.

Warum berichtet die EFSA gerade jetzt über diese Arbeit?

JT: Die Europäische Kommission führt Gespräche mit einem breiten Spektrum an Interessengruppen, um Kriterien für die Definition dessen festzulegen, was unter „endokrin disruptiven Eigenschaften“ zu verstehen ist. Diese Gespräche sind nach wie vor im Gange und involvieren viele Parteien. In der Zwischenzeit hat der Gesetzgeber „Interimskriterien“ vorgelegt, die anzuwenden sind. Angesichts des hohen öffentlichen Interesses am Thema „endokrine Disruptoren“ hielten wir es für wichtig, ein breiteres Publikum darüber zu informieren, wie wir bereits heute auf diese Aspekte eingehen.

Angesichts des hohen öffentlichen Interesses am Thema ‚endokrine Disruptoren‘ hielten wir es für wichtig, ein breiteres Publikum darüber zu informieren, wie wir bereits heute auf diese Aspekte eingehen.

Was umfasst diese Arbeit?

JT: Wir haben die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse systematisch im Hinblick auf potenzielle Effekte der betreffenden Stoffe auf das endokrine System des Menschen bewertet. Das heißt, wir bewerten – zusätzlich zu den anderen möglichen Auswirkungen, die wir immer bewerten – das Potenzial dieser Stoffe, sich durch Veränderungen im Hormonsystem nachteilig auf die Gesundheit des Menschen auszuwirken; außerdem bewerten wir die Höhe des Risikos für diese Art gesundheitlicher Beeinträchtigungen beim Menschen im Falle einer Exposition gegenüber der Substanz durch den Einsatz in Pestiziden. Leider können wir dies nicht immer entsprechend auch für Nichtzieltiere leisten, da hier die Informationen in der Regel nicht ausreichen.

Welche Bedeutung hat diese Arbeit?

JT: Neben der Ermittlung möglicherweise bedenklicher Stoffe erhielten wir auch Aufschluss über den Umfang vorhandener wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie noch bestehende Datenlücken, was uns ermöglichte, Empfehlungen für zukünftige Studien auszusprechen. Wir wenden diesen Ansatz sowohl für neue Wirkstoffe als auch bei der Neubewertung bereits genehmigter Stoffe an, deren Zulassungsverlängerung ansteht, was einen großen Teil unserer Arbeit ausmacht.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse bisher?

JT: Seit 2014 haben wir im Rahmen unseres laufenden Arbeitsprogramms, das durch Rechtsvorschriften vorgegeben ist, für 41 Wirkstoffe Schlussfolgerungen veröffentlicht, die ausdrücklich die Bewertung potenzieller endokriner Effekte beim Einsatz in Pflanzenschutzmitteln zusammenfassen. Darunter befinden sich 15 neue Stoffe, während es sich bei den restlichen 26 um Verlängerungen bereits zugelassener Substanzen handelt. Für 15 dieser Stoffe haben wir gefahren- bzw. risikobasierte Bedenken ermittelt. Bei den übrigen ergaben sich für 24 keine besonderen Bedenken, während wir für zwei Substanzen zusätzliche Studien empfehlen, um dies zu bestätigen.

Seit 2014 haben wir […] für 41 Wirkstoffe Schlussfolgerungen veröffentlicht, die ausdrücklich die Bewertung potenzieller endokriner Effekte beim Einsatz in Pflanzenschutzmitteln zusammenfassen.”

Was ist der nächste Schritt, wenn die EFSA „Bedenken“ bezüglich einiger Substanzen äußert?

JT: Wir haben beschlossen, einen Bericht über diese Arbeiten zu veröffentlichen, um EU-Risikomanagern in der Kommission, dem Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten sowie Interessengruppen und der Öffentlichkeit, eine transparente Bewertung besagter Arbeiten vorzulegen. Unser Bericht soll helfen, den Beitrag der EFSA in diesem Bereich zusammenzufassen. Die Risikomanager werden dann unsere Bewertungen erörtern und entscheiden, ob Maßnahmen, etwa in Form weiterer Forschungen oder Verwendungsbeschränkungen, erforderlich sind. 

Werden diese Stoffe neu zu bewerten sein, wenn die Kommission ihre endgültigen Kriterien vorlegt?

JT: Sollten sich die von der Kommission festgelegten endgültigen Kriterien von den Interimskriterien unterscheiden, werden wir möglicherweise den Teil, der sich auf die Gefährdungsbeurteilung bezieht, aktualisieren müssen. Was die wissenschaftliche Bewertung betrifft, verweisen mehrere Schlussfolgerungen auf die Notwendigkeit zusätzlicher Informationen, und wir werden die betreffenden Bewertungen erneut in Augenschein nehmen, sollten besagte zusätzliche Informationen verfügbar werden.

 

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