Entwicklungen bei bereichsübergreifender Bewertungsmethodik der EFSA

Interview mit Tony Hardy, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Ausschusses der EFSA

 

Tony Hardy
Vorsitzender des Wissenschaftlichen Ausschusses der EFSA

Professor Tony Hardy ist Ökologe, Umweltchemiker und Ökotoxikologe mit umfassender Erfahrung in Forschung und Risikobewertung. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf Umweltauswirkungen von Pestiziden, GVO und Kontaminanten auf die natürliche Tier- und Pflanzenwelt. Als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Ausschusses ist Prof. Hardy eng eingebunden in die Beaufsichtigung der – vom Wissenschaftlichen Ausschuss und dem wissenschaftlichen Personal der EFSA unternommenen – Anstrengungen der Behörde hinsichtlich der Entwicklung einer harmonisierten Risikobewertungsmethodik, die in die Arbeit der EFSA einfließen soll. 

Warum hat die EFSA einen Leitartikel im EFSA Journal über ihre aktuellen Arbeiten zur Risikobewertungsmethodik verfasst?

Wir möchten unsere Arbeit für die breitere Wissenschaftsgemeinschaft nachvollziehbarer machen. Daher sind wir derzeit dabei, Bedingungen zu schaffen, die es anderen ermöglichen, unsere Bewertungen zu wiederholen, wenn sie dies möchten, und gegebenenfalls zusätzliche Informationen und Überlegungen zur jeweiligen Bewertung beizusteuern. 

Ein offenes wissenschaftliches Bewertungsverfahren dieser Art setzt die Erfüllung dreier wesentlicher Ziele voraus: qualitativ hochwertige Daten, eine strikte Methodik und Transparenz zur Gewährleistung einer effizienten Kommunikation.

In diesem Leitartikel soll dargelegt werden, wie die Arbeit der EFSA dazu beitragen kann, die unmissverständliche Kommunikation (von Bewertungsergebnissen) gegenüber Entscheidungsträgern, der breiteren Wissenschaftsgemeinschaft und den Interessengruppen zu verbessern.

Insbesondere erschien es uns wichtig, auf eine Reihe von Aktivitäten in Bezug auf unsere Bewertungsmethoden einzugehen, die derzeit von wissenschaftlichen Mitarbeitern der Behörde und uns, den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Ausschusses der EFSA, entwickelt werden, da diese das gesamte Spektrum der verschiedenen wissenschaftlichen Bereiche betreffen, die in die Zuständigkeit der EFSA fallen.

Um welche methodologischen Entwicklungen handelt es sich dabei?

Konkret handelt es sich um vier getrennt voneinander durchgeführte, aber in engem Zusammenhang stehende Aktivitäten: 

Ein übergreifendes Methodenprojekt mit dem Titel „Promoting Methods for Evidence Use in Scientific Assessments“ (Förderung von Methoden zum Umgang mit Evidenz bei der wissenschaftlichen Bewertung). Im Rahmen dieses Projekts sollen Verfahren und Grundsätze für die Heranziehung von Evidenz bei wissenschaftlichen Bewertungen festgelegt werden. Diese Arbeit wird intern von wissenschaftlichen Mitarbeitern der EFSA geleitet.

Die Entwicklung von Leitlinien und eines Instrumentariums geeigneter Methoden zur Beschreibung und Berücksichtigung von Unsicherheiten (sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht) während der verschiedenen Bewertungsphasen.

Leitlinien zur konsequenten und transparenten Verknüpfung verschiedener Evidenzstränge im Rahmen wissenschaftlicher Bewertungen anhand der Gewichtung der Beweiskraft solcher Evidenz, d. h. ihrer relativen Bedeutung für die jeweilige Bewertung (Weight-of-Evidence-Ansatz). 

Sowie Leitlinien zu wissenschaftlichen Kriterien für die Beurteilung der biologischen Relevanz der beobachteten negativen oder positiven gesundheitlichen Auswirkungen auf die jeweils untersuchte Zielart.

Die letzten drei Aktivitäten werden vom Wissenschaftlichen Ausschuss der EFSA geleitet, der die Federführung bei horizontalen bzw. bereichsübergreifenden Themen hat.

Wie wird diese Arbeit Ihrer Meinung nach in der Praxis die EFSA-Sachverständigen bei ihrer Tätigkeit unterstützen? 

Die genannten Aktivitäten sollen in umfassendere praktische Leitlinien einfließen, die den unabhängigen Sachverständigen und internen wissenschaftlichen Mitarbeitern der EFSA Orientierung im Hinblick auf das breite Spektrum wissenschaftlicher Bewertungen bieten und gleichzeitig den Erfordernissen der Transparenz, Zweckmäßigkeit und zeitnahen Beratung von Entscheidungsträgern Rechnung tragen.

So können beispielsweise gemeinsame, für alle wissenschaftlichen Bereiche geltende Standards und Kriterien zur Bewertung, Berichterstattung und Kommunikation von Unsicherheiten dabei helfen, im Sinne der Transparenz, die Schlussfolgerungen der EFSA-Bewertungen besser in den jeweiligen Kontext einzuordnen. 

In ähnlicher Weise dienen die Leitlinien zur „biologischen Relevanz“ der weiteren Klärung und Schaffung eines gemeinsamen Verständnisses darüber, wie mittels Expertenurteil über die Nützlichkeit verfügbarer Daten für eine Bewertung entschieden wird. Zum Beispiel: Ist eine beim untersuchten Organismus (z. B. einem Versuchstier) beobachtete Wirkung schädlich, oder handelt es sich lediglich um eine Anpassungsreaktion? Können die verfügbaren Daten (z. B. Versuchsergebnisse) auf Menschen oder eine andere spezifische Population, für die die Bewertung vorgenommen wird, extrapoliert werden? Diese und weitere spezifische Entwicklungen im Rahmen der genannten Aktivitäten sind für die wissenschaftlichen Bewertungen der EFSA von entscheidender Bedeutung.

Verfügt die EFSA denn nicht schon über klare Leitlinien in Bezug auf den Umgang mit Evidenz und damit verbundenen Unsicherheiten? 

Ja, natürlich, wenn wir bei der EFSA wissenschaftliche Bewertungen vornehmen, kommen international anerkannte Bewertungsmethoden zur Anwendung, die gewährleisten, dass die betreffenden Fragen konsequent angegangen werden. Außerdem haben wir einen umfangreichen Bestand an bereichsübergreifenden und sektorspezifischen Leitliniendokumenten entwickelt, um den spezifischen Bewertungserfordernissen der EFSA gerecht zu werden, insbesondere im Hinblick auf die Bewertung regulierter Produkte. Doch Wissenschaft ist ein innovativer, iterativer Prozess, der kontinuierlich auf über Jahrhunderte hinweg gesammeltem Wissen aufbaut. Daher suchen wir ständig nach Möglichkeiten, um unsere Verfahrensweisen zu verbessern und etwaige Lücken, die sich aus neuen Herausforderungen oder Bedürfnissen ergeben, zu schließen. 

Sind Interessengruppen, etwa andere Risikobewerter, an den genannten Aktivitäten beteiligt? 

Selbstverständlich, die EFSA arbeitet nicht allein im stillen Kämmerlein. Die Behörde erhält die Mehrzahl ihrer Arbeitsaufträge von Risikomanagern der Europäischen Kommission; deren Erfordernissen und denen des Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten nachzukommen ist daher wesentlich, da diese auf die wissenschaftlich Beratung der EFSA als Grundlage für ihre Risikomanagemententscheidungen angewiesen sind. Darüber hinaus ist die EFSA in hohem Maße auf die Daten und Fachkompetenz der Mitgliedstaaten angewiesen und berät sich regelmäßig zu wichtigen Fragen mit ihren nationalen und internationalen Partnern sowie der breiteren Wissenschaftsgemeinschaft und Interessengruppen. So haben wir etwa diesen Leitartikel mit Organisationen geteilt, die ähnliche Aufgaben wahrnehmen wie die EFSA, und werden mit ihnen im späteren Jahresverlauf einen Workshop abhalten, dem wir große Bedeutung beimessen, um weiteres Input für die beschriebenen Aktivitäten zu erhalten. 

Wann und wie werden diese Arbeiten Gestalt annehmen? 

Die interdependenten Aktivitäten sind bereits im Gange und sollen, Schritt für Schritt, bis Anfang 2017 abgeschlossen werden. Der erste Bericht über die Förderung von Methoden zum Umgang mit Evidenz, der gemeinsame Grundsätze enthält, wird voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2015 erscheinen. Darüber hinaus planen wir für die Mitte des Jahres die Durchführung einer öffentlichen Konsultation zum Leitlinienentwurf über die Analyse von Unsicherheiten bei der Risikobewertung. 

Was ziehen Sie selbst, als Wissenschaftler, aus dieser Arbeit?

Für mich als Sachverständigen besteht das greifbare Ergebnis dieser Aktivitäten in Leitlinien, die dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen und uns dabei helfen werden, aktuelle und solide wissenschaftliche Methoden noch konsequenter und transparenter anzuwenden. Die Herausforderung bei der Entwicklung solcher Leitliniendokumente besteht darin, die breitere Wissenschaftsgemeinschaft mit einzubinden und die Leitlinien mit der internationalen Wissenschaftsmeinung in Einklang zu bringen.

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