EFSA prüft Southampton-Studie zu Lebensmittelzusatzstoffen und Verhalten von Kindern

Wissenschaftler der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) haben die Bewertung einer kürzlich erstellten Studie[1] abgeschlossen, die sich mit Auswirkungen von zwei Gemischen aus bestimmten Lebensmittelfarbstoffen und dem Konservierungsmittel Natriumbenzoat[2] auf das Verhalten von Kindern befasst. Die Studie, die letztes Jahr von Forschern der Universität Southampton im Vereinigten Königreich durchgeführt wurde (McCann et al, 2007), deutete einen Zusammenhang zwischen diesen Gemischen und Hyperaktivität bei Kindern an.

Das AFC-Gremium[3] der EFSA gelangte mit Unterstützung von Sachverständigen für Verhalten, Kinderpsychiatrie, Allergien und Statistik zu dem Schluss, dass diese Studie begrenzte Belege dafür lieferte, dass die untersuchten Gemische von Zusatzstoffen eine geringfügige Auswirkung auf die Aktivität und Aufmerksamkeit einiger Kinder hatten. Allerdings stimmten die beobachteten Wirkungen für die beiden Altersgruppen und die beiden in der Studie verwendeten Gemische nicht überein.

Nach Prüfung aller vorliegenden Erkenntnisse und in Anbetracht der bestehenden erheblichen Unsicherheiten,[4] wie etwa die fehlende Übereinstimmung und die relativ schwache Auswirkung sowie die fehlenden Informationen über die klinische Bedeutung der beobachteten Verhaltensveränderungen, kam das Gremium zu dem Schluss, dass die Befunde der Studie von McCann et al. nicht als Grundlage zur Änderung des ADI-Wertes[5] für die betreffenden Lebensmittelfarbstoffe oder Natriumbenzoat herangezogen werden könnten.

Zu den Einschränkungen der neuen Studie gehörte, dass sie nicht genau aufzeigen konnte, welche Zusatzstoffe für die beobachteten Wirkungen bei den Kindern, die diese Gemische erhielten, verantwortlich gewesen sein könnten, und dass keine einzelnen Zusatzstoffe untersucht wurden.

Obwohl die Befunde der Studie für Menschen mit einer Empfindlichkeit gegenüber Lebensmittelzusatzstoffen im Allgemeinen oder Lebensmittelfarbstoffen im Besonderen von Belang sein könnten, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beurteilt werden, wie weit eine derartige Empfindlichkeit in der allgemeinen Bevölkerung möglicherweise verbreitet ist.

Unterstützt von Verhaltensexperten, war das Gremium der Ansicht, dass die Bedeutung der Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern unklar sei, weil nicht bekannt sei, ob die beobachteten geringfügigen Veränderungen von Aufmerksamkeit und Aktivität die schulische Mitarbeit oder andere intellektuelle Funktionen beeinträchtigten.

Erhebungen aus den Jahren 2002 bis 2005 über Süßwaren und alkoholfreie Getränke[6] zeigten, dass die Farbstoffe häufig verwendet werden. Auch Natriumbenzoat ist häufig in alkoholfreien Getränken enthalten. Das AFC-Gremium gelangte zu dem Schluss, dass Kinder, die stark gefärbte Süßigkeiten und alkoholfreie Getränke konsumieren, Aufnahmemengen für einige der in der Studie untersuchten Zusatzstoffe erreichen könnten, die den in der Studie verabreichten täglichen Mengen in etwa entsprechen würden.

Das Gremium bewertete die Studie von McCann et al. vor dem Hintergrund früherer Studien zu Verhaltensauswirkungen von Lebensmittelzusatzstoffen aus den 1970er Jahren und bestätigte, dass es sich bei der aktuellen Studie um die bisher größte zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Lebensmittelzusatzstoffen und Hyperaktivität in der allgemeinen Bevölkerung handelt. Das Gremium wies darauf hin, dass die Mehrzahl der früheren Studien Kinder untersuchte, die als hyperaktiv beschrieben wurden, und deshalb nicht repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung waren.

Das AFC-Gremium nimmt zurzeit eine Neubewertung der Sicherheit jedes einzelnen in der Europäischen Union (EU) zugelassenen Lebensmittelfarbstoffs vor. Die in der Studie von McCann et al. verwendeten Farbstoffe sind Bestandteil der Überprüfung durch die EFSA. Gutachten zu einigen der betroffenen Farbstoffe, wie z.B. Allurarot, werden voraussichtlich gegen Ende des Jahres verabschiedet werden.

[1] Die Studie von McCann et al. (2007), die von der britischen Lebensmittelbehörde FSA (Food Standards Agency) in Auftrag gegeben wurde, umfasste 153 Kinder im Alter von 3 Jahren und 144 Kinder im Alter von 8-9 Jahren aus der allgemeinen Bevölkerung. Darunter befanden sich normal aktive und hyperaktive Kinder, jedoch keine Kinder, die wegen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) medikamentös behandelt wurden. Die Studie ist in The Lancet veröffentlicht.
Das Committee on Toxicology (Ausschuss für Toxikologie) des Vereinigten Königreichs beurteilte die Studie und gab eine umfangreiche Stellungnahme dazu ab.
[2] Die Zusatzstoffe in den beiden Gemischen, die den Kindern verabreicht wurden, waren Tartrazin (E102), Chinolingelb (E104), Sunsetgelb (E110), Ponceau 4R (E124), Allurarot (E129), Carmoisin (E122) und Natriumbenzoat (E211).
[3] Gremium für Lebensmittelzusatzstoffe, Aromastoffe, Verarbeitungshilfsstoffe und Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen.
[4] Mangelnde Übereinstimmung der Ergebnisse in Bezug auf Alter und Geschlecht der Kinder; Auswirkungen der beiden untersuchten Gemische von Zusatzstoffen und die Art der Beobachter (Eltern, Lehrer, unabhängige Auswerter); unbekannte klinische Relevanz der gemessenen Wirkungen; die fehlenden Angaben zur Dosis-Wirkungs-Beziehung; unklare Bedeutung der geringen Effektgröße; die Tatsache, dass Gemische verwendet wurden und es nicht möglich ist, die Wirkungen einzelner Zusatzstoffe festzustellen; der fehlende plausible biologische Mechanismus, mit dem der mögliche Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Farbstoffen und dem Verhalten erklärt werden könnte.
[5] Der ADI-Wert (Acceptable Daily Intake – zulässige tägliche Aufnahmemenge) ist ein Maß für die Menge einer Substanz, wie etwa eines Lebensmittelzusatzstoffes, die ohne nennenswertes Gesundheitsrisiko ein Leben lang täglich konsumiert werden kann. ADI-Werte werden in Milligramm (des betreffenden Stoffs) pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag angegeben.
[6] UK Food Standards Agency (FSA) (2002), unveröffentlichte Erhebung der Food Safety Authority of Ireland (FSAI) (2005), Union of European Beverage Associations (UNESDA) (2005).

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